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Acacia 02 - Die fernen Lande

Acacia 02 - Die fernen Lande

Titel: Acacia 02 - Die fernen Lande Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Anthony Durham
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erschreckend gewesen.
    Als ihre Stimme an jenem Nachmittag in ihren Gemächern in Acacia verebbt war, hatte sich der Wirbel aus Geräuschen und schimmerndem Licht, der sich um das Objekt gebildet hatte, schließlich aufgelöst. Und da war es, das Ding, das sie aus Worten geschaffen hatte. Ein Ding, das »noch nie jemand gesehen hat«, wie Aaden es gefordert hatte. Sie hatten es schweigend angestarrt. Es war eine pelzige Kreatur von der Größe eines sechs Monate alten Kindes, doch es hatte weder Beine noch Arme. Es hatte einen Rumpf, zum größten Teil aber bestand es aus einer Art vage katzenartigem Kopf ohne Ohren und ohne Schnurrhaare. Sein Fell war so fein, dass es bei der leisesten Bewegung in Wellen wogte und dabei die Farbe änderte, als wenn jedes einzelne Haar gelb und rot und blau war und alle Farbtöne dazwischen besaß.
    Trotz alledem waren seine Augen sein ausgeprägtestes Merkmal. Sie waren vollkommen rund, und wenn es blinzelte, glitt eine Art Lid von einer Seite des Auges zur anderen und kurz darauf wieder zurück. Mit jedem Blinzeln schien es empfindungsfähiger zu werden, als würde es jedes Mal, wenn die Membran von einer Seite zur anderen glitt, etwas Neues erkennen.
    Mutter und Sohn standen da und betrachteten die Kreatur ein paar kurze Augenblicke lang. Die ganze Zeit sah das Wesen auch sie an, neigte dabei den Kopf und schaute wartend von einem zum anderen. Als Corinn das Lied anstimmte, das ihr Werk ungeschehen machen sollte, war sie sich sicher, etwas wie Enttäuschung in den Augen der Kreatur zu sehen. Doch vielleicht war das auch nur der Zauber gewesen, denn binnen weniger Atemzüge schlangen sich die unsichtbaren Bänder aus Klang um es, glitten über und durch seinen Körper und löschten es aus dem Dasein.
    Als Aadens Stimme danach die Stille durchbrochen hatte, war sie ihr ungewöhnlich laut vorgekommen. »Warum können wir das nie jemandem zeigen?«
    »Weil solche Dinge nur wir beide sehen dürfen, nur du und ich. Das ist unser großes Geheimnis, erinnerst du dich? Niemand sonst weiß davon; niemand sonst darf davon wissen. In dem Lied ist all die Macht, die wir jemals brauchen werden. Das Wissen um Schöpfung und Zerstörung. In dem Lied ist eine Macht, die die Welt seit zweiundzwanzig Generationen nicht mehr in ihrem reinen Glanz gesehen hat. Es ist meine Macht. Nur meine, aber in den Zeiten, die kommen werden, wird es auch deine sein.«
    Sie waren weit draußen auf den Feldern, als sie wieder zu der Gruppe talayischer Kaufleute aufschlossen. Die Stadt war eine deutlich sichtbare, aber ferne Barriere im Norden. Hitze flirrte um sie herum, ließ selbst Dinge, die sich in mittlerer Entfernung befanden, verschwimmen. Sie hatten am Rand eines riesigen, viereckigen Beckens haltgemacht, einer tief in die Erde gegrabenen Grube, die höher lag als die Ebene ringsum und von dicken Erddämmen eingefasst wurde. Auf allen vier Seiten befanden sich Tore, die angehoben oder gesenkt werden konnten, und von denen Bewässerungskanäle in alle Richtungen ausgingen. Eigentlich sollte das Becken eine gewaltige Wassermenge beinhalten, doch genau wie die Landschaft darum herum war es vollkommen ausgetrocknet.
    Mittlerweile hatten sich mehrere Ingenieure der Gruppe angeschlossen – zusammen mit ein paar Arbeitern, sogar ein paar Kindern, die ein bisschen weiter weg standen, beinahe nackt und stumm, – und einer von ihnen erklärte, dass das Wasserbecken einst von einer Tiefquelle gespeist worden war. Corinn konnte das Loch in der Mitte des Rechtecks sehen, das Hunderte von Jahren lang eine beständige Wasserquelle gewesen war. Es gab auf den Feldern noch ein paar andere Quellen, die dieser hier ähnlich waren, aber die waren noch viel früher ausgetrocknet.
    »Das Wasser aus diesem Becken kann also in das gesamte Bewässerungssystem geleitet werden?«, fragte Corinn. Der Ingenieur setzte zu einer Erklärung an, dass das noch nie getan worden war, aber Corinn schnitt ihm das Wort ab. »Kann das Wasser aus diesem Becken über das gesamte System verteilt werden? Ich habe darum gebeten, dass ich zu einem Becken gebracht werde, das von zentraler Bedeutung für das System ist. Ist es dieses hier?«
    »Soweit es so etwas überhaupt gibt, ja«, sagte der Ingenieur. »Ein paar Kanäle müssten angepasst werden, und vielleicht müssten auch ein paar Dämme neu angeordnet werden.« Der Mann warf seinen Begleitern hilfesuchende Blicke zu, doch sie reagierten nicht. »Ich weiß nicht recht, Euer Hoheit, was Ihr

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