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Acacia 02 - Die fernen Lande

Acacia 02 - Die fernen Lande

Titel: Acacia 02 - Die fernen Lande Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Anthony Durham
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warf einen Soldaten um, ein anderer zerschmetterte einen schützend erhobenen Arm.
    Mena schrie ihren Männern zu zurückzuweichen, aber die meisten suchten bereits Deckung, rannten den Hügel hinunter, versteckten sich hinter Bäumen und in Bodensenken, um zu warten, bis die Felsanker das Tier zu Boden zogen. Das war der Plan gewesen, der ursprüngliche Plan: das Tier mit so vielen Steinen zu beschweren, dass es nicht mehr fliegen konnte, oder zumindest nicht mehr weit. Dann konnten sie es nach Belieben ungefährdet töten. Da Mena gedacht hatte, das Tier hätte keine Flügel, hatte sie diesen Plan abgewandelt, weil sie der Ansicht gewesen war, eine kleinere Gruppe könne näher herankommen und es dann im Grunde genommen auf dieselbe Weise einfangen.
    Während dieses flügelschlagenden Chaos dachte Mena kurz, der Plan würde erfolgreich sein, doch das Wesen schien mit jedem Flügelschlag an Kraft und Entschlossenheit zu gewinnen. Es zerrte an den Tauen, riss sie durch die Äste, bald würde es von den Bäumen frei kommen. Mena schrie nach mehr Armbrustbolzen, aber die Schützen mühten sich mit dem Nachladen ab, während sie das kämpfende Tier nicht aus den Augen ließen. Mena hätte selbst geschossen, wenn sie eine Armbrust gehabt hätte. Dann fiel ihr etwas anderes auf. Der Schwanz der Kreatur hing dicht über der Erde. Er peitschte und ringelte und streckte sich unter dem fliegenden Tier wie ein lebendes Seil, das auf die Hand wartete, die es packte. Und genau das tat Mena.
    Sie trat vor und packte den Schwanz mit einer Hand. Eigentlich hatte sie das nicht unbedingt geplant, aber er war so nahe, es war so leicht. Sie dachte nicht nach, doch ein Teil von ihr stellte sich vor, dass sie die Kreatur am Boden festhalten könnte. Das schmale Schwanzende schlang sich in einer fast spielerischen Bewegung um ihr Handgelenk, als hätte es einen eigenen Verstand und wolle sie kitzeln. Selbst inmitten dieser Bewegung bemerkte sie das, obgleich sie nur ein paar Sekunden währte.
    Mehr Zeit hatte sie nicht, ehe sie in die Luft gerissen wurde. Da wurde ihr klar – während die Erde unter ihren strampelnden Beinen verschwand – dass weder die Steine noch ihr Gewicht auch nur annähernd ausreichten, um die Kreatur am Boden zu halten. Sie schoss empor und nahm sie mit.

16

    An jedem einzelnen Tag ihrer gemeinsamen Überlandreise hatte der Bote, den Sangae Umae geschickt hatte, Kelis überrascht. Naamen war in einem Tempo aus dem Lager in Halaly gestürmt, dass er es nicht lange würde durchhalten können; davon war Kelis überzeugt gewesen. Aber er hatte es durchgehalten. Kelis hatte geglaubt, er sei immer noch in seinen besten Jahren, doch als der erste Tag zur Hälfte vorüber war, hatte er allen Grund, daran zu zweifeln. Der ältere Mann konnte nur mit dem jüngeren mithalten, indem er tief in seine Lauferinnerung griff, seinen Rhythmus fand und nach jenem stillen, meditativen Raum suchte, den er sich erschlossen hatte, um seine längsten Läufe zu überstehen – wie den an der Seite Alivers auf der Suche nach den Santoth.
    Während Aliver größtenteils ein schweigsamer Gefährte gewesen war, schwatzte Naamen gern. Er machte Bemerkungen über die Landschaft, erzählte von zufälligen Erinnerungen, stellte Fragen und schien damit zufrieden, sie sich selbst zu beantworten. Anfangs hatte dieses Verhalten Kelis geärgert; er hegte den Verdacht, dass der Junge absichtlich versuchte, ihn abzulenken und gleichzeitig zeigen wollte, dass er beim Laufen nicht einmal außer Atem kam. Am dritten oder vierten Tag jedoch war Naamens Stimme zu einem Merkmal ihrer Reise geworden und untrennbar mit dem Stampfen ihrer Füße, dem Schwingen ihrer Arme und der sich langsam vor ihnen entfaltenden Landschaft verbunden – und mit dem Staub, den sie bei jedem Schritt aufwirbelten.
    Außerhalb des Seengebiets von Halaly dörrte die Ebene unter einer trockenen Sonne, die auf dem Land lastete, als sei die Hitze eine schwere Decke, die sich drückend auf die Welt legte. Umae, an dem sie ziemlich nah vorbeikamen, war stets trocken gewesen, so früh im Jahr jedoch war solche Hitze ungewöhnlich. In dem flachen Landstrich vor Denben fanden sie nur in wenigen Brunnen Wasser, und die Flüsse waren wie trockene Narben, von einem mäandernden Messer in die Erde geritzt. Auf der belebten Strecke zwischen Denben und Bocoum war es leichter, die Ebene zu vergessen, vor allem, da die Straße ihnen häufig einen Blick aufs Innenmeer gewährte. Trotzdem

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