Acornas Welt
Schiff geschleppt wurde.
Der Navigator lebte immer noch. Aber – da war sich der Inquisitor sicher – er würde nicht mehr lange am Leben bleiben. Diese Information würde weitergegeben werden, wenn der Inquisitor dem Schwarm Bericht erstattete. Er fraß sich auf der Spur der Einhörner weiter.
Als es dunkel wurde, war der Inquisitor sehr voll gefressen, aber unzufrieden. Er hatte das intensive Bedürfnis, das Blut eines Einhorns zu riechen. Er wollte es fließen sehen. Als er sich seinen Weg hügelabwärts fraß, erkannte er auch, dass er dieses Bedürfnis bald würde befriedigen können. An einem Baum lehnte ein offensichtlich schlafendes Einhorn. Der Inquisitor näherte sich seinem Opfer.
Acht
Die heilende Klausur in den Hügeln und die Fürsorge der Ahnen hatte endlich alle Verunreinigung, allen Schmerz, alle Scham, die von den entsetzlichen Foltern verursacht worden waren, aus dem Geist der Linyaari-Raumfahrer tilgen sollen.
Dieser Prozess hätte nach menschlicher Zeitrechnung Tage dauern können, aber auch Wochen, Monate, vielleicht Jahre; ein Ghaanye oder viele nach Zeitrechnung der Linyaari.
Doch die Tiefenheilung hatte kaum begonnen, als die persönlichen Betreuer der Ahnen den Pilgern ihre Kleider reichten und sagten: »Geht nach Hause. Ihr werdet in Kubiilikhan gebraucht.«
So etwas hatte Großmama noch nie erlebt.
»Haben wir etwas falsch gemacht?«, fragte eines der jüngeren Besatzungsmitglieder der Iiiliira. »Werden wir wieder weggeschickt, weil wir zu sehr beschmutzt sind?«
»Rede keinen Unsinn, Kind«, meinte der Betreuer. »Habt ihr nicht verstanden? Ihr werdet gebraucht. Und was das Wegschicken angeht – wie können wir euch wegschicken, wenn wir doch mit euch kommen?«
Daheim in der Stadt war Liriili so unruhig geworden, dass sie vergaß zu grasen. Sie ging auf und ab, bis ihre Füße ganz wund waren, lief immer wieder die Straße zwischen Stadt und Raumhafen hinauf und hinunter. Die Viizaar hatte keine Botin mehr, seit Maati verschwunden war, doch sie hatte im Augenblick auch kaum etwas anderes zu tun als zu warten.
Darauf zu warten, dass die Khleevi sie abermals fanden. Liriili wusste nicht, was sie tun sollte. Nachdem ihr erster Zorn verraucht war, sagte sie sich, dass sie Thariinye und Maati eigentlich einen Gefallen getan hatte. Wenn die Khleevi hierher kamen, würden diese beiden zumindest verschont bleiben. Es sei denn, sie sind schon gefressen worden, sagte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Liriili ignorierte das.
Als sie wieder einmal die Straße vom Raumhafen zur Stadt entlangging – sie hatte zum wiederholten Mal bei den Diensthabenden in der Komzentrale vorbeigeschaut, weil sie einfach nicht glauben konnte, dass die automatischen Berichte an ihr Büro häufig oder schnell genug erfolgten, um sie bei einem Angriff rechtzeitig zu warnen – sah sie die Prozession zwei- und vierbeiniger Geschöpfe, die aus den Hügeln auf der anderen Seite des Tals, in dem Kubiilikhan lag, herunterkamen.
Erschrocken, verstört, verängstigt und dennoch auch ein wenig erleichtert kehrte sie in ihr Büro zurück, um dort die Ankunft der Pilger – und der Ahnen – zu erwarten.
Der Gedanke an das Verhör des Khleevi-Gefangenen beunruhigte Acorna. Sie fürchtete und hasste diese Geschöpfe, aber sie wusste auch, dass sie nicht in der Lage sein würde zuzusehen, ohne den Wunsch zu verspüren, alle Wunden, die dem Khleev beim Verhör zugefügt wurden, zu heilen. Sie wusste auch, dass es vollkommen unvernünftig war, diesem zerstörerischen Ungeheuer etwas Gutes tun zu wollen.
Trotzdem konnte sie den Schmerz des Khleev sogar über zwei Decks hinweg spüren. Trotz Beckers Drohungen hatte niemand den Insektoiden angerührt, seit man ihn an Bord gebracht und in seinem Netz dort eingeschlossen hatte, wo die Frachtnetze für gewöhnlich aufgehängt wurden. Es war überhaupt nicht notwendig gewesen, das Geschöpf anzurühren.
Es beantwortete hin und wieder, wenn seine Schmerzen nicht zu groß waren, die Fragen, die der Kapitän stellte. Doch der Khleev lag im Sterben. Acorna konnte es spüren.
Das Gefühl war so intensiv, als spüre sie ihren eigenen Tod.
Sie konnte es nicht mehr aushalten. Sie musste hier weg, oder sie würde gezwungen sein, sich in das, was Becker dort tat, einzumischen.
Und sie brauchten die Informationen, die er dem Khleev entrang. Also ging Acorna von der Brücke zur Hebebühne und machte unterwegs nur kurz Halt, um den anderen zu sagen, was sie vorhatte – dass sie
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