Adieu, Sir Merivel
ich, was sie vorhaben: Sie wollen den Bären töten.
Ich frage mich, ob ich nicht froh darüber sein sollte, da das Geschöpf ein so elendes Dasein führt. Aber etwas in mir wehrt sich dagegen. Meine Kenntnisse der tierischen Anatomie sagen mir, dass dieser Bär, ungeachtet seinesjämmerlichen Zustands, immer noch jung ist. Und die Vorstellung, dass sein ganzes Leben am Ende nur aus einem Dasein in einem Käfig mit Hunger und quälendem Durst bestehen soll, empfinde ich als Zumutung.
»Ich habe gehört«, erkläre ich bestimmt, »dass der Bär nach Versailles gebracht werden sollte.«
»Ja«, antwortet einer der Soldaten, »doch seine Majestät hat es sich anders überlegt. Große Tiere langweilen ihn mittlerweile.«
»Dann werdet ihr den Bären also erschießen?«
»Ja, Monsieur. Wenn Sie und Madame sich bitte entfernen würden …«
»Nein!«, sage ich plötzlich. »Bitte, tötet ihn nicht!«
»Pardon, Monsieur. Aber so lautet unser Befehl.«
Augenblicklich tat ich etwas höchst Überraschendes. Ich habe meinen Handschuh abgestreift und die Hand ausgestreckt, an der ich den Saphirring trage, den König Charles mir schenkte – eben den, welchen ich beinahe an den Wegelagerer auf der Straße nach Dover verloren hätte.
»Seht ihr diesen Schmuck?«, sage ich zu den Wachposten. »Er wurde mir vom König von England geschenkt. Er ist zehn pistoles wert – oder mehr. Und er wird euch gehören, wenn ihr eure Musketen sinken lasst und tut, was ich euch heiße.«
Louise sieht mich erstaunt an, was auch kein Wunder ist. Ich kann ihr nur rasch zuflüstern: »Es ist eine Zumutung , Louise. Diese Zumutung ertrage ich nicht!«
Die Soldaten beratschlagen. Gewiss glauben sie, dass ich einigermaßen verrückt bin, sagen sich aber vielleicht, dass nur wenige Verrückte sich solche Schulterbänder leisten können, mit denen mein Rock geschmückt ist, und so kommt einmal mehr die Mode mit in die Debatte.
»Hört mir gut zu«, sage ich. »Ich breche morgen oder übermorgen nach England auf. Ich werde euch dafür bezahlen, dass ihr einen Wagen mietet, der den Bären in seinemKäfig nach Dieppe bringt und ihn sicher dort im Hafen abliefert. Von Dieppe fahre ich mit dem Schiff nach England. König Louis braucht nichts davon zu erfahren. Doch ihr, ihr werdet eine Zeitlang vom Wert dieses Ringes leben, den euch jeder gute Pariser Juwelier nur allzu gern abkaufen wird.«
Die Soldaten starren mich mit offenem Mund an. Ich ziehe den funkelnden Saphirring ab und halte ihn den beiden unter die Nase. Sie werfen einen kurzen Blick darauf und schütteln dann ihre Köpfe. »Woher sollen wir wissen«, sagt der eine, »dass es echter Schmuck ist und keine Fälschung?«
»Nun, da reicht doch gewiss ein Blick ! Dieser Ring kommt aus den königlichen Schatullen in Whitehall und ist die Wiedergutmachung Seiner Majestät dafür, dass er mich so häufig beim Tennis geschlagen hat.«
» Tennis? Tennis? Was soll das alles, Monsieur? Was um Himmels willen wollt Ihr mit einem Bären?«
»Ich werde für ihn sorgen!«, sage ich zu meiner eigenen Überraschung. »Ich habe einen wunderschönen Park an meinem Haus in England. Ich werde ein Gehege einrichten, wo er in Frieden seine Tage verbringen kann. Ich werde ihn genau beobachten und von ihm lernen! Er wird mir sehr viel mehr Wissen und Erkenntnis schenken, als ein Saphirring es jemals könnte!«
Louises Hände flattern unruhig an meinem Arm, als wollte sie mich von meiner wilden Idee abhalten, doch jetzt bin ich zornig und nicht mehr aufzuhalten. Da die Wachposten spüren, dass es mir ernst ist, ziehen sie sich kurz zurück, um erneut zu beratschlagen. Dann wenden sie sich an mich und verkünden: »Wir werden es für die zehn pistoles tun. Ihr müsst den Ring selbst verkaufen und euch das Geld besorgen. Dann werden wir es tun.«
Ich seufze. Es war nicht meine Absicht, die mir verbleibende Zeit mit Gefeilsche bei Pariser Juwelieren zu verbringen, aber ich sehe, dass mir wahrscheinlich keine andere Wahl bleibt. Außerdem wird mir augenblicklich klar, dass ich miteinigem Glück vielleicht mehr als zehn pistoles für den Ring bekomme, und dann wären all meine Geldsorgen behoben.
Ich ziehe einen Beutel mit etwas Geld aus meiner Tasche und gebe sie den Wachposten.
»Also gut«, sage ich. »Ich werde den Schmuck verkaufen. Ihr müsst Fleisch kaufen. Sorgt dafür, dass das Tier heute Nachmittag frisst und trinkt. Sorgt dafür, dass der Käfig gesäubert wird. Dienstag um die Mittagszeit will ich
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