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Alaska

Titel: Alaska Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Albert Michener
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stehen, etwa Mitte Vierzig, dessen unbedeckter Kopf erkennen ließ, dass er sein graues Haar im Stil der römischen Cäsaren trug, kurz und nach vorne gekämmt bis zu den dunklen Augenbrauen. Jeb stieß seinen Mentor an und fragte: »Ist das Afanasi?« Und Markham sagte: »Ja. Aber er ist nicht gerade ein Mensch fürs Auge.«
    Nachdem alle Dorfbewohner Markham persönlich begrüßt hatten - denn er hatte dieser Siedlung viele wohltätige Dienste erwiesen -, gingen die beiden Männer auf den alleinstehenden Eskimo zu und reichten ihm die Hand. Er sollte ihr Führer auf der Walro ss jagd sein, und Poley sagte: »Ich habe einen jungen Freund mitgebracht, Jeb Keeler. Er ist Rechtsanwalt ...«
    »Haben Sie keinen Bekannten, der sich seinen Lebensunterhalt mit Arbeit verdient?« fragte Afanasi, und die Männer lachten.
    Während der folgenden Tage konnte Jeb beobachten, dass dieser etwas verschlossene, tüchtige Eskimo, Besitzer des einzigen Lastwagens im Dorf, in mehrerer Hinsicht ein ganz besonderer Mensch war. »Sie haben zwei Jahre die Universität besucht?« - »Ja.« - »Und Sie haben zwei Jahre in Seattle gearbeitet?« - »Ja.« - »Und Sie stehen der örtlichen Schulbehörde vor?« - »Ja.« Zum Schluss endlich die Frage, die Keeler schon lange bewegte: »Und trotzdem ziehen Sie es vor, nach der alten traditionellen Lebensweise nur für den eigenen Bedarf zu arbeiten?«
    Damit hatte Jeb Keeler ein zentrales Problem des modernen Alaska angesprochen, denn ein harter Streit war ausgebrochen und würde wohl noch bis Ende des Jahrhunderts weitergeführt werden - zwischen den Ureinwohnern einerseits, die sich zwar mit der Unausweichlichkeit, dass ihre Nahrungsmittel zum größten Teil aus gekauften Konserven bestanden, abgefunden hatten, aber ihren Speiseplan ab und zu auch aufbessern und nach der traditionellen Methode eine Robbe oder ein Karibu erlegen wollten, und den Kräften in Staat und Verwaltung andererseits, die die verschiedenen Stämme der Eingeborenen mit Gewalt in einen urbaneren, geld- und leistungsorientierteren Lebensstil pressen wollten. In den Gängen des Kongresses wurde dieser Streit als die Fortsetzung des bekannten Konflikts zwischen Reservations- und Integrationspolitik beschrieben, aber während diese Trennung relevant für die Situation der Indianer auf dem amerikanischen Kontinent war, für Alaska, wo es offiziell eingerichtete Reservate nie gegeben hatte, galt sie nicht. Hier manifestierte sich der Konflikt als die Alternative zwischen der traditionellen Lebensweise einerseits, die nur auf Deckung des Existenzminimums ausgerichtet war, und der modernen Urbanisation andererseits. Afanasi, der die Vorteile beider Systeme kennengelernt hatte, nahm einen eher pragmatischen Standpunkt ein: »Ich will nicht auf Penicillin oder mein Radio verzichten, aber Freude für Geist und Seele schöpfe ich auch aus der alten Lebensweise.« Und Jeb hörte gebannt zu, als der Eskimo ihn aufklärte, was das zu bedeuten hatte.
    »Sie werden bei Ihrer Arbeit hier in Alaska dem Begriff Existenzminimum noch öfter begegnen, Mr. Keeler. Sie sollten daher scharf unterscheiden. Auf dem amerikanischen Kontinent bedeutet er meines Wissens: mit den Almosen vonseiten des Staates einigermaßen zurechtzukommen, an der Armutsgrenze ein kümmerliches Dasein fristen. In Alaska hat das Wort einen ganz anderen Sinn. Es bezieht sich auf alte überlieferte Lebensformen, die neunundzwanzigtausend Jahre zurückreichen - in die Zeit, als wir in Sibirien beheimatet waren und lernen mussten , in der menschenfeindlichsten Umgebung der Erde zu überleben.«
    Die Verwendung dieses ungewöhnlichen Begriffes in Vladimirs kleiner Rede, überhaupt sein ganzer Wortschatz, veranlassten Keeler zu der Frage: »Sind Sie ein Eskimo? Sie haben eine ziemlich gebildete Ausdrucksweise.« Afanasi musste lachen. »Ich bin waschechter Eskimo, das werden Sie schon noch sehen«, worauf Keeler prompt fragte: »Aber woher haben Sie dann Ihren russischen Namen?«
    »Dazu müssen wir vier Generationen zurückgehen, was für einen Eskimo nicht so kompliziert ist. Damals heiratete ein Sibirier eine Aleutin, und sie hatten einen Sohn, den später berühmten Pater Fjodor Afanasi, ein geistiger Führer des Nordens. Dieser entschloss sich erst sehr spät zu heiraten, eine Athapaskin der Missionsstation, die er leitete. Seine Kirche schickte ihn dann hierher, um die heidnischen Eskimos zum Christentum zu bekehren, aber die brachten ihn um. Sein Sohn Dimitri wurde

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