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Algebra der Nacht

Algebra der Nacht

Titel: Algebra der Nacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Louis Bayard
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Flüche aus, seine Hände schlugen nach mir, sein ganzer Organismus strahlte vor Hass. Womöglich war es das Verlangen, mir Schaden zuzufügen, das ihn noch so lange am Leben bleiben ließ. Gott weiß, wie viel Zeit verging – zwei Minuten? zwanzig? Als ich schon verzweifelt dachte, ich würde nie mehr von diesem Steinboden aufstehen, erst da kamen Halldors Augen zur Ruhe, erst da hauchte er quiekend den Atem aus, zuckten seine Hände ein letztes Mal – mehr kann ich dazu nicht sagen.
    Nach Frohlocken war mir nicht zumute; meine Schmerzen waren zu stark. Die einströmende Luft, von der ich mir Linderung erhofft hatte, war eine Qual, schlimmer als das, was ihr voraus
gegangen war. Wie ein Kind , dachte ich, das gerade geboren wird . Nur dass ich keinen Laut von mir gab. Ich hatte nicht einmal die Kraft, den Körper des Toten von mir zu schieben.
    Und so lag ich – lagen wir – da, bis sich das Atmen etwas weniger unnatürlich anfühlte, bis meine Lunge so viel in sich einsaugen konnte, dass mein restlicher Körper erwachte. Ich gab Halldor einen Schubs, noch einen, einen dritten … und sah die schwere Gestalt schließlich zur Seite kippen.
    Ohne mich an etwas anderem als der Luft selbst festzuhalten, kam ich auf die Beine. Zu meiner Rechten lag Clarissa, das Gesicht nach unten. Zu meiner Linken hingestreckt die Gestalten von Bernard Styles und Alonzo Wax, die, alle Viere von sich, halb im Licht und halb im Schatten lagen.
    Ein weiterer Moment verging. Und dann schlug einer der beiden die Augen auf und blickte blinzelnd zur Decke. Er schaute auf die Webley in seiner Hand und auf das Blut, das sich kreisrund über die Brust des anderen ausbreitete. Ächzend und stöhnend richtete er sich mühsam so weit auf, bis er saß.
    »Henry«, sagte Alonzo. »Du kannst nicht behaupten, ich hätte dich nicht gewarnt.«

 

    47
    E ine schwarze Pfütze hatte sich rings um Clarissas Auge gebildet, Blut floss ihr aus den Nasenlöchern … aber sie atmete, und ihre Augen öffneten sich flatternd, als ich mich neben sie kniete, und schlossen sich zuckend wieder.
    »Gott«, murmelte sie und betastete sacht ihre Nase.
    »Gebrochen?«
    »Mm.«
    Ich gab ihr die Hand, zog sie hoch, bis sie saß. Sie sah zuerst nach Styles, dann nach Halldor. Dann nach mir. Konnte womöglich nicht glauben, dass ich als Einziger immer noch stand.
    »Großer Gott«, sagte sie schließlich.
    Begleitet vom Geraschel ihrer Unterröcke, kam sie auf die Beine. Taumelte zu der Stelle am Boden, wo die Überreste von Thomas Harriots Teleskop im Schein von Halldors LED -Taschenlampe lagen. Sie bückte sich, sammelte die Glasscherben auf, legte sie in ihrer hohlen Hand zusammen.
    »Es ist für einen guten Zweck gestorben«, sagte ich.
    Die weiße Maske der Abwesenheit, die blicklosen Augen. Sie träumte wieder ihre Träume. Nur war sie hellwach.
    »Entschuldigt, dass ich mich einmische«, sagte Alonzo. »Aber ich glaube, jetzt wäre ein günstiger Augenblick, die Fliege zu machen.«
    »Clarissa«, sagte ich. »Kommst du?«
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Du kannst nicht hierbleiben.«
    »Henry …«
    »Ja?«
    »Lebwohl.«
    Sie sprach in einem bizarren Singsang, und doch vermittelte das Wort eine solche Endgültigkeit, dass ich wie angewurzelt stehenblieb. Alonzo musste mich unsanft schubsen, damit ich mich in Bewegung setzte, und noch als ich die Räumlichkeit verließ, wartete ich darauf, dass sie uns nachrief, ihr letztes Wort zurücknahm, einen Schlupfwinkel oder eine Ausnahmeklausel offerierte …
    Doch sie sagte nur:
    »Gute Reise.«
     
    Dafür zumindest schuldeten wir Bernard Styles Dank. Er hatte uns den perfekten Plan für unseren Abgang geliefert. Wir brauchten nur den Weg rückwärts zu gehen, den er und Halldor ausgetüftelt hatten: die Kellertreppe hinauf, durch die große Halle und zum Haupteingang hinaus, den Halldor schlauerweise aufgehebelt hatte. Innehalten ließ uns nur das Wiederauftauchen von Seamus dem Kletterer, finster, durch nichts zu erschüttern, der an seinem Rücken befestigte Rucksack wie ein verkümmerter Muskel.
    Während unserer Abwesenheit hatte er sich einfach am Turm abgeseilt und gewartet. Und falls ihn interessierte, was uns zugestoßen war, ließ er es sich nicht anmerken.
    »Ganz schön spät, nicht?«
    Ja. War es. Fast fünf Uhr früh, als wir uns zur London Road schleppten. Der 237er Bus fuhr nicht mehr, und je länger wir daran dachten, uns mit unseren lädierten Knochen und den Tudor-Gewändern in ein Taxi zu zwängen,

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