Alle vier Martin-Schlosser-Romane: Kindheitsroman - Jugendroman - Liebesroman - Abenteuerroman: Mit einem Vorwort von Frank Schulz (German Edition)
rausgeschmissen zu werden, mußte sie ihre Kinder streng katholisch erziehen. Mir war das recht, denn wenn Mama in Wiesbaden weilte, konnte sie nicht an der Zeugniskonferenz im Kreisgymnasium teilnehmen.
Das in Montevideo ausgetragene Länderspiel gegen Uruguay bekam man erst um Mitternacht zu sehen. Die Siegtore schossen Flohe und Dieter Müller, und Papa rumorte noch nach dem Schlußpfiff im Keller herum. Ich schmiß eine halbe Zwiebel weg, die im Kühlschrank ausgeschlagen und Schimmelflecken angesetzt hatte.
Für Physik hätte ich noch pauken müssen, aber mit Kathoden und Anoden kam ich irgendwie nicht klar.
Beim Frühstück maulte Wiebke darüber, daß ihr Geburtstagstisch nicht ordentlich aufgebaut worden sei. Wenn die mal nichts zu meckern gehabt hätte, wäre sie todunglücklich gewesen.
Wenn man mit der Stereobrille aus Opas Kriegsbuch die Frontsoldaten dreidimensional sehen konnte, mußte das doch eigentlich auch bei Aktmodellen funktionieren, dachte ich mir, und ich fuhr mit einer Plastiktüte auf dem Gepäckträger nach Bokeloh, um in einem Zeitungskiosk, wo mich keiner kennen konnte, zweimal das gleiche Sexheft zu kaufen.
Dabei durfte ich nicht lange zaudern, denn sonst hätt’ ich’s nicht geschafft. Meine Wahl fiel auf eins der billigsten Ferkelheftchen. Ich ging mit zwei Exemplaren davon zur Kasse, als keine anderen Kunden mehr anwesend waren. Das Geld hielt ich abgezählt bereit, denn ich wollte dieses Geschäft so schnell wie nur irgend möglich abwickeln. Nicht daß hier noch irgendwer hereinkam, der am nächsten Tag in der ganzen Schule herumerzählen würde, daß der Schlosser in Bokeloh Sexhefte kauft.
Die alte Kassentante hatte es nicht ganz so eilig wie ich. Die suchte zuerst einmal ewig nach dem Preis, und dann stellte sie fest, daß ich mir zweimal das gleiche Heft ausgesucht hatte: »Ist das nicht ’n Versehen?«
»Nein, nein, das ist Absicht ... das ist okay ... das andere Heft, das ist für ’n Bekannten von mir ... dem bring ich das immer mit ...«
Bis die Alte das begriff, vergingen viele kostbare Sekunden, in denen meine Zukunft auf dem Spiel stand.
Zuhause schnitt ich mit der Schere zweimal nacheinander den gleichen weiblichen Nackedei aus und befestigte die beiden Fotos in Opas Stereobrille, doch der 3-D-Effekt blieb aus, egal, wie lang ich durch die Gläser schielte. Ich versuchte es dann noch mit ein paar anderen Bildern, aber auch das haute nicht hin. Es war schier zum Irrsinnigwerden!
Die Plastiktüte mit den zerschnippelten Hefte stopfte ich an einer Bushaltestelle beim Hindenburgstadion in den Papierkorb, und dann holte ich mir bei Comet neuen Tee.
Auf dem Bürgersteig lagen Pappelsamen.
Selbstverständlich, sagte Mama, als sie wieder da war, habe ihre Patentochter sich beim Frühstück einen ganzen Becher Kakao über ihr weißes Gewand geschüttet. Und Onkel Dietrich, dieser Wahnsinnsknabe, habe sich ein Motorboot zugelegt. Der wisse offenbar schon gar nicht mehr wohin mit seinen Moneten.
Im nächsten Länderspiel ging Brasilien mit 2:0 in Führung, aber in der zweiten Halbzeit stellte Klaus Fischer mit zwei Treffern den Ausgleich her. An uns Deutschen bissen sich die Brasilianer immer wieder die Zähne aus. Nur bei einer WM hatten wir uns noch nie mit Brasilien messen müssen.
Mit Ophelia Bustwig traf ich mich zu einer letzten Übungsstunde in der Aula der Musikschule, bei dreißig Grad Hitze, und am Abend kam Mama mit zu dem Konzert, bei dem ein ganzer Haufen Musikschüler vor der Meppener Schickeria glänzen sollte.
»Hier ist ja die gesamte High Snobiety versammelt«, sagte Mama.
Als Ophelia Bustwig und ich an der Reihe waren, verspielte ich mich leider schon im zweiten Takt. Wir fingen vorn vorne an, und ich verspielte mich abermals. Miss Ophelia fiedelte fehlerfrei weiter, aber ich hatte den Faden verloren, und mir liefen die Schweißperlen über die Stirn. Es tropften auch welche aus meinen Achselhöhlen in das von Mama gebügelte Hemd, das ich anhatte.
Wir fingen noch ein drittes Mal von vorne an, und als ich zum dritten Mal bereits im zweiten Takt hängengeblieben war, gab ich mich geschlagen. Diese Sache mußte ein Ende haben. Ophelia Bustwig war nicht froh darüber, aber auf einen vierten Versuch wollte ich es nicht mehr ankommen lassen. Ich stand auf, nahm meine Noten in die Hand und verließ die Bühne. Ein matter Applaus wallte auf, als nach mir auch meine gedemütigte Begleiterin die Kurve kratzte.
Statt meinen Sitzplatz wieder
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