Alle vier Martin-Schlosser-Romane: Kindheitsroman - Jugendroman - Liebesroman - Abenteuerroman: Mit einem Vorwort von Frank Schulz (German Edition)
einzunehmen, ging ich gleich weiter, raus aus der Aula und raus aus der ganzen Musikschule.
Was Ophelia Bustwig und deren Eltern jetzt wohl von mir dachten? Und die anderen Arschgeigen, die meine tödliche Blamage miterlebt hatten?
Vor den Sommerferien mußte ich danach zum Glück nur noch ein einziges Mal zur Schule, um mein Zeugnis abzuholen. Jetzt war ich auch in Sport und Reli auf ’ne Vier abgesunken, hatte aber wenigstens in Erdkäs eine Eins.
Wiebke hatte eine Vier in Werken. Sie bedürfe gelegentlich zusätzlicher Arbeitsanreize, stand in ihrem Zeugnis.
Im neuen Stern gab es Bilder von dem Kabarettisten Wolfgang Neuss zu sehen, einem Wrack mit schiefen und verfaulten Zähnen und verfilzter Mähne. Außerdem streikte Volkers Moped, und Pepik hatte Haarausfall. Hinter den Ohren und am Bauch war er schon völlig kahl.
Mama und Wiebke fuhren mit Pepik zum Tierarzt, und danach mußte Mama für ihre venezolanische Freundin Besorgungen machen, denn die wollte alles mögliche mitgebracht kriegen: Uhu, Teppichmesserklingen, Uhrarmbänder aus Nylon, Sandalen Größe 39, einen Teppichklopfer aus Bambus, eine Flasche mit einhundert Kapseln Geriatric Pharmaton und zwei Bremsseile für einen VW-Bus, Modell 1961. Und Gummibärchen. Wiebke mischte Pepik währenddessen eine sogenannte Appetit-Fellpflege ins Futter.
Murnil – Schönheit und Pflege, die von innen kommt.
Ein Goldhamster sein und von Wiebke gepflegt werden, das hätte ich nicht ausgehalten, mit oder ohne Murnil.
Mama chauffierte uns nach Hannover: Wiebke zu Onkel Rudis Familie und mich zu Tante Dagmar. Mit den Hannover-Schlossers durfte Wiebke per Rad an die Nordsee fahren und sich auf der Insel Juist vergnügen und im Anschluß daran noch für vierzehn Tage nach Butjadingen, auf einen Bauernhof, der einer Freundin von Tante Grete gehörte.
Wir gondelten die B 70 runter bis Rheine und bogen ab in Richtung Osnabrück. Da ging es streckenweise hinter lahmen Treckern her. Auf der Autobahn drückte Mama dann gewaltig auf die Tube: 145 Sachen holte sie aus der Karre heraus, und nach einer Pinkelpause wollte ich lieber mit Wiebke tauschen und hinten sitzen, um mir diese Raserei nicht länger durch die Windschutzscheibe ankucken zu müssen.
»Und wie fühlst du dich in deiner Geburtsstadt?« fragte Mama, als wir das Stadtkennzeichen von Hannover passiert hatten.
Wie man sich eben so fühlte, wenn man stundenlang versucht hatte, in einer wackelnden Blechkiste Fortschritte bei der Lektüre eines Buchs über die Kultur der Weimarer Republik zu machen.
Tante Dagmar hatte Tee für uns gekocht und Plätzchen eingekauft und die ganze Bude aufgeräumt.
»Allens kloar?«
Ich mußte erst einmal pissen gehen, und dann schaufelte ich mir für Mamas Geschmack zuviel Kandis in die Tasse: »Meine Herren, wieviel Zucker haust du dir denn da rein! Das ist ja kein Tee mehr, das ist Sirup!«
Mit meinem Apparat schoß ich ein Foto von Mama und Tante Dagmar beim Ausräumen aller möglichen Tüten und Taschen.
Onkel Rudi, sagte Tante Dagmar, rege sich darüber auf, daß seine Älteste, Franziska, in eine Wohngemeinschaft umgezogen sei, mitten in Hannover, drei Kilometer Luftlinie vom Elternhaus entfernt. »Was das kosten würde! Und sie hätte doch nun prima noch zuhause wohnenbleiben können. Gratis! Also, ich kann Franziska verstehen! Die will doch nun endlich auch mal raus aus ihrem angestammten Affenstall! Und unter ihresgleichen sein! Was glaubt ihr wohl, wie froh ich selbst gewesen bin, als ich hier in Hannover meine erste Bleibe gefunden hatte! Das Moorwarfener Fünfmädelhaus in Ehren, liebe Inge, aber du weißt doch bitteschön noch selbst, wie schwer man sich da gegenseitig auf den Keks gegangen ist, und dann noch unter Muttis Regiment!«
Da pflichtete Mama Tante Dagmar bei.
Franziska war zwanzig Jahre alt und studierte an der PH.
Bevor ich auf dem zum Bett umgebauten Sofa in Tante Dagmars Wohnzimmer einschlief, sah ich mir noch die Zeitschriften an, die da herumlagen. Es war ein Männermagazin darunter, mit einer nackten Frau vornedrauf, die bäuchlings auf einer Klappliege lag, durch einen Strohhalm lächelnd Cola einsaugte und dabei den Podex in die Höhe reckte.
Innen in dem Heft gab’s noch andere nackte Weiber zu sehen, zum Beispiel »Rotraud, die Rothaut«.
Auf ihrer Haut kann man einen ganzen Sommer erleben: die Wärme, die Hitze, die Schwüle – und die kühle Frische am Morgen.
Diese Rotraud hatte eine Menge Sommersprossen und orangerotes
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