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Alle vier Martin-Schlosser-Romane: Kindheitsroman - Jugendroman - Liebesroman - Abenteuerroman: Mit einem Vorwort von Frank Schulz (German Edition)

Alle vier Martin-Schlosser-Romane: Kindheitsroman - Jugendroman - Liebesroman - Abenteuerroman: Mit einem Vorwort von Frank Schulz (German Edition)

Titel: Alle vier Martin-Schlosser-Romane: Kindheitsroman - Jugendroman - Liebesroman - Abenteuerroman: Mit einem Vorwort von Frank Schulz (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gerhard Henschel
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sie diskutierte darüber in meinem Beisein mit einem NDR-Redakteur, der in der Baumstraße ein Stockwerk höher wohnte. Bei dem lag ein rororo-aktuell-Taschenbuch auf dem Wohnzimmertisch, das die SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin verfaßt hatte: »Frauenarbeitslosigkeit oder Reserve zurück an den Herd!«
    Woody Allen sei nicht ihr Typ, sagte Tante Dagmar.
    »Weiß ich doch«, sagte der Redakteur und wandte sich an mich: »Deine Tante fährt mehr auf Jean-Paul Belmondo ab ...«
    »Nu’ red dem Jungen man bloß keinen Stuß ein«, sagte Tante Dagmar. »Dieser Woody Allen ist wirklich nicht mein Typ ...«
    Die Hemden, die Mama mir eingepackt hatte, ließ ich über die Hose hängen. Männer, die ihre Hemden in die Hose stopften, mußten entweder impotent sein oder frei von der Angst, scheel angesehen zu werden, wenn sie mit einem Ständer herumliefen.
    Auf dem Flohmarkt feilschten Philatelisten um abgestempelte Postwertzeichen. Briefmarken sammeln! Oder antike Münzen, o Graus! Da hätte man sich besser gleich begraben lassen können.
    Irgendwelche Südländer boten ausgebaute Autoradios und Wasserhähne zum Verkauf an. Woher diese Waren wohl stammten.
    Für zwei Mark erwarb ich eine historische Spiegel -Ausgabe mit einer Reportage über den Skandal um den englischen Heeresminister Profumo und dessen Geliebte Christine Keeler, ein Mannequin, das es auch mit dem Marineattaché der sowjetischen Botschaft getrieben hatte. Eine Riesenaffäre mit Spionagegerüchten, Verleumdungsklagen, Meineiden, Rücktritten, Gefängnisstrafen und Selbstmord.
    Komischer Beruf: Mannequin. Was machten die eigentlich? Vor der Kamera in Reizwäsche posieren? Sich verrenken, wie in dem einen Lied von Reinhard Mey?
    Mich verbiegen
    Und Beifall kriegen,
    Wenn ich alsdann mein verknotetes Bein
    Voller Grazie
    Wieder g’radziehe ...
    Tante Dagmar gab mir eine Bratwurst aus, und in der Baumstraße durfte ich eine LP auflegen.
    Making love in the afternoon with Cecilia,
    Up in my bedroom,
    When I come back to bed,
    someone’s taken my place ...
    Papa hätte Zustände gekriegt, aber Tante Dagmar kam das alles ganz normal vor.
    Am Sonntag fuhren wir mit dem Zug nach Hildesheim und dann mit dem Taxi weiter nach Itzum, wo Oma und Opa Jever im Haus von Tante Luise und Onkel Immo auf deren Kater Simba aufpassen mußten, während sich die Hausbesitzer an der Adria bräunten.
    Draußen konnte man es in der blödsinnigen Hitze nicht lange aushalten, und ich stieg auf den Dachboden. Da kramte ich eine Weile in den Schulsachen meiner Kusinen, bis Oma alle Mann zum Teetrinken zusammentrommelte.
    Papa, sagte Oma, habe sich bei Mama darüber beklagt, daß ich niemals in Meppen anriefe oder ein Kärtchen schickte, aber was hätte ich Papa denn schreiben sollen?
    Auf dem Umschlag eines Romans aus Tante Dagmars Besitz war eine Frau abgebildet, mit Lidschatten, offenem Mund und aufgestütztem nacktem Oberarm. In dem Roman ging es auch gleich ziemlich deftig los, mit den feuchten Brüsten einer Witwe und den Fingern eines Mannes, die sich zwischen deren Schenkel drängten, und es gab noch mehr solche Stellen.
    Eine Woche lang hatte ich es mit jenem verheirateten Italiener, Alessandro, der wollte, daß ich ihm beim Ficken »Scheiße vögeln Votze« ins Ohr flüsterte. Dabei mußte ich meistens hysterisch lachen, und dann machte mir das Ficken keinen Spaß mehr.
    Danach trieb’s die Erzählerin mit einem Professor der Kunstgeschichte, der Orangenschnitze aus ihrer »Möse« essen wollte. Als ich nach Bonn weiterreisen mußte, hatte ich das Buch noch nicht ausgelesen, aber ich konnte Tante Dagmar schlecht darum bitten, mir das auszuleihen.
    In Bonn hausten Renate und Olaf ohne Trauschein in einer Drei-Zimmer-Wohnung, zwischen ausgesüffelten Weinflaschen von Aldi und Zeichnungen von progressiven Künstlern. In einer Ecke der Wohnstube stand ein Hocker vor dem Regal mit der Musikanlage, an die ein Kopfhörer angeschlossen war. Da saß ich oft und hörte mir die Platten aus den Sammlungen an, die Renate und Olaf beim Einzug zusammengeschmissen hatten.
    It always ends up to one thing, honey
    And I can’t think of right words to say ...
    An der Wand hing ein feuerrotes Plakat mit den Köpfen von Lenin, Marx und Engels.
    Alle reden vom Wetter. Wir nicht.
    Im August wollten Renate und Olaf nach Schweden fahren. Die hatten’s gut. Die hatten’s sogar verdammt gut. Die wußten überhaupt nicht, wie gut sie’s hatten mit ihrem selbstgemachten

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