Alma Mater
jemand angelte, würde er sich ruhig treiben lassen.
»Träumst du mit offenen Augen?«, fragte R. J. die Arme auf die Ruder gestützt.
»So ungefähr.« Vic bemerkte die kräftigen Hände ihrer Mutter an den Rudern, die Muskeln an ihren Unterarmen. Hätte R. J. Söhne geboren, würden sie wohl bei den Miami Dolphins oder den Kansas City Chiefs spielen.
»Toll, daß Bunny den Pokal behalten kann. Tut ihr gut.«
»Wieder Ärger mit Onkel Don? Ich dachte, das wär vorbei.«
»Ist es auch, aber die Menschen brauchen lange, um sich wieder zu fangen. Zerstörtes Vertrauen ist schwer zu reparieren. Er schwört bei einem Stapel Bibeln, daß Nora ihm nichts bedeutet hat, daß er es nie wieder tun wird.« R. J. atmete die schwere feuchte Luft ein. »Wer weiß, vielleicht meint er es sogar ernst. Ich würde mir Sorgen um sie machen, wenn sie allein wäre. Ich hab dich und Mignon, egal was passiert. Ich hab’s besser getroffen.«
»Mutter«, Vic faltete die Hände wie zum Gebet, »ich weiß nicht, ob du das auch gesagt hättest, als ich im ersten Highschooljahr Dads Auto zu Schrott gefahren habe.«
»Da hab ich ’ne Menge andere Sachen gesagt.« Sie lachte. Das Lachen verstärkte sich, als es über das Wasser trug.
»Ich nehme an, Mignon und ich kosten sehr viel.«
»Tja, das gehört nun mal zum Muttersein, aber du hast jeden Sommer gearbeitet, seit du vierzehn warst. Du hast deinen Teil beigetragen.«
»Wenn ich jetzt mein Studium abbreche, bekomme ich den größten Teil der Gebühren für dieses Jahr zurück. Ich kann arbeiten gehen und euch unter die Arme greifen.« Vics leise Stimme schien einen Kontrapunkt zum Plätschern des Wassers zu bilden.
»Auf gar keinen Fall. Vic, schlag dir das gefälligst aus dem Kopf.«
Vic senkte die Stimme, ihr Ton schwang tiefer. »Als Dad letztes Mal unser Geld verloren hat, war er fast zehn Jahre jünger. Er ist sechzig, Mom. Du vergißt, wie viel älter er ist als du. Ich glaube nicht, daß er es wieder hereinholen kann.« Sie hob die Hände, als R. J. sie unterbrechen wollte. »Mignon will aufs College. Wenn ich jetzt anfange zu arbeiten, kann ich auch was dazu beisteuern.«
»Du bist fast fertig, Victoria. Du hast nur noch ein Jahr.«
»Ich kann den Abschluß später nachholen. Wir dürfen die Farm nicht verlieren, Mom.«
»Victoria, ich verbiete es dir. Das ist doch zu blöd, um darüber zu diskutieren.« R. J. hob den Kopf, als ein Blaureiher aus dem Nebel auftauchte und so tief herabstieß, daß sie ihn hätte berühren können.
»Ich weiß noch, wie es letztes Mal war, Mom«, sagte Vic.
R. J. schwieg. Sie ließen sich treiben. Fische schnellten aus dem Wasser. Der Nebel lichtete sich allmählich. Sie konnten die Unterseiten der Enten sehen, die über ihnen flogen.
Schließlich sprach Vic wieder. »Wenn ich Charly heirate, angenommen, er fragt mich, ich weiß nicht, ob seine Eltern uns Geld zur Hochzeit schenken, und ich möchte dich nicht enttäuschen.«
»Du wirst mich nicht enttäuschen. Natürlich wird er dir einen Heiratsantrag machen, und seine Familie wird euch ein sehr komfortables Leben ermöglichen.«
»Meinst du?«
»Ja. Sie werden alles tun, was getan werden muß. Ein Haus kaufen. Ihn geschäftlich etablieren. Sie sind so.« Sie hob die Ruder. »Glaubst du, er möchte in Surry Crossing leben?«
»Ich weiß nicht. Er spricht immer mal wieder davon, sich als Profifootballspieler zu verpflichten. Ich weiß es wirklich nicht.«
»Herzchen, ich denke, er wird alles tun, worum du ihn bittest. Ich bin zwar nicht Bunny, aber ich kann dir etwas von meiner schwer errungenen Weisheit in puncto Männer mitgeben. Du mußt frühzeitig um die großen Sachen bitten, solange er noch bis über beide Ohren in dich verliebt ist, solange er sich noch beweisen muß.«
»Mom.« Vic war erstaunt, dies von ihrer Mutter zu hören.
»So ist es nun mal. Im Laufe der Zeit nimmt er dich mehr oder weniger als selbstverständlich. Er liebt dich, das schon, sofern es eine gute Ehe ist, aber das Bedürfnis, der Ritter in glänzender Rüstung zu sein, kommt ihm abhanden.«
»Wahrscheinlich.« Vic beugte sich zu ihrer Mutter vor. »Manchmal denke ich, daß ich überhaupt nichts über die Männer weiß. Aber wenn ich das Wort Ehe höre, dann höre ich eine Stahltür hinter mir zufallen.«
»Das ist ganz natürlich.«
»War es bei dir auch so?«
»Ob ich es so empfunden habe?« R. J.
Weitere Kostenlose Bücher