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América

América

Titel: América Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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Glücksspiels bei einer dörflichen Fiesta. Etwas später sah er ein ungefähr zwanzigjähriges Mädchen aus dem Haus kommen, in ein Auto steigen und ebenfalls auf dem Weg zur fernen Straße davonfahren. Schließlich, nur wenige Minuten danach, erschien der Farmer selbst, ein güero von Mitte Vierzig, unglaublich groß und mit dem schwerfälligen, geduldigen, müden Gang, den Bauern überall auf der Welt haben. Er schlug die Küchentür mit lautem Knall zu, überquerte den Hof und verschwand durch die Stalltür.
    Cándido war eine Wand, aber diese Wand bröckelte. Er war den Norden nicht gewohnt, er hatte erst zweimal im Leben Schnee erlebt, beim Kartoffelernten in Idaho, und er haßte ihn. Seine Jacke war dünn. Er war halb totgefroren. Und so wurde er zur wandernden Wand, wankte aus dem Graben, schob sich unter einem Stacheldrahtzaun hindurch und schlurfte in huaraches und nassen Socken über die Wiese auf den Stall zu, vor dem er stehenblieb, das Herz zersprang ihm fast in der Brust, und endlich klopfte er an die breite gestrichene Holzplatte, die eine Hälfte der Tür bildete, hinter der der Farmer verschwunden war. Er zitterte und schlang die Arme um die Schultern. Es war ihm egal, ob sie ihn deportierten oder nicht, ob sie ihn ins Gefängnis warfen oder auf die Folterbank schnallten, solange er nur ins Warme kam.
    Und dann stand der Farmer in der Tür, ragte vor ihm auf wie ein Turm, ein Mann mit mächtigen Waden und fleischigen Armen, einem Kopf so groß wie ein preisgekrönter Kürbis und großen, sehnigen Händen mit Wurstfingern, ein Mann, der in Mexiko seinen Lebensunterhalt ohne weiteres damit verdienen könnte, in einem Wanderzirkus als Riese mit Schilddrüsenfunktionsstörung aufzutreten. Der Mann - der Riese - wirkte verdutzt, verwirrt und überrascht, als wäre dies tatsächlich ein fremder Planet und Cándido eine unbekannte Lebensform. »Bih-te«, sagte Cándido mit klappernden Zähnen, und als ihm klar wurde, daß er damit bereits die Bandbreite seiner Kenntnisse der englischen Sprache erschöpft hatte, wiederholte er sich lediglich: »Bih-te.«
    Im nächsten Augenblick saß er, in eine warme Decke gewickelt, in einer großen, funkelnden amerikanischen Küche, um ihn herum summten Geräte, und in den Händen hielt er eine dampfende Tasse Kaffee. Der Farmer wuselte umher, auf Füßen so groß wie Schneeschuhe. Jeder Muskel seines breiten Rückens war in Bewegung, als er mit den Küchengeräten hantierte, sechs Scheiben Weißbrot in den silbern glänzenden Toaster steckte, Eier und ein dickes Stück Schinken in den kleinen schwarzen Ofen schob, der in knapp zwei Minuten das Eigelb fest werden und den Schinken brutzeln ließ, und dann stand er vor ihm, hielt ihm den Teller hin und versuchte, seinem Gesicht ein Lächeln aufzusetzen. Cándido nahm den Teller aus der riesigen, schwieligen Pranke, senkte den Kopf und murmelte ein »muchísimas gracias«, doch dann schleppte sich der große Mann durch die Küche auf ein weißes Telefon an der Wand zu, und drehte die Wählscheibe. Die Eier in Cándidos Mund wurden kalt: das war's, nun war es zu Ende. Der Farmer meldete ihn der Polizei. Cándido duckte sich über dem Teller und wurde zur Wand.
    Es gibt immer Überraschungen. Das Leben mag chronisch grausam sein und die Überraschungen in ihrer Mehrzahl unerfreulich, doch es wäre wohl kaum lebenswert, gäbe es keine Ausnahmen, keine Sonnentage und Fälle von unverhoffter Freundlichkeit. Der Farmer winkte ihn zum Telefon, und am anderen Ende der Leitung erklang die engelsgleiche Stimme von Graciela Herrera, einer chicana, die in einem Ort wohnte, keine zehn Kilometer entfernt, aber in der Sprache ihrer gemeinsamen Vorfahren mit ihm sprach. Graciela holte ihn mit ihrem knallgelben VW-Käfer ab, brachte ihn zum Busbahnhof und übersetzte dort für ihn, damit er sich eine Fahrkarte kaufen konnte. Cándido hätte ihr am liebsten einen Schrein errichtet. Er küßte ihre Fingerspitzen und schenkte ihr das einzige, was er zu verschenken hatte: das plastikbeschichtete Bildchen der Jungfrau von Guadalupe, seinen Glücksbringer.
    In Canoga Park hatte Cándido keine Schwierigkeiten, Hilarios Cousin zu finden - dieses Viertel in Los Angeles war wie ein mexikanisches Dorf, nur größer -, und er fand auch sofort Arbeit bei einem englischsprechenden Boss, der ein halbes Dutzend Gärtnertrupps von je drei Mann managte. Hilarios Cousin, er hieß Arturo, zeigte Cándido, was es zu tun gab - es war kinderleicht: den

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