América
Während er die dunkle Straße hinabhinkte, den Scheinwerfern der Autos auswich, fragte er sich, ob América wohl den Eintopf warmhielt.
Es war spät, sehr spät, als er seine Kleider zusammenpackte und durch den Tümpel zu ihrem Lager watete. Er war froh, das Feuer zu sehen, glühende Kohlen schimmerten durch das dunkle Laub, und er roch das scharfe, erregende Aroma des Eintopfs, während er sich wieder anzog und leise nach América rief, um sie nicht zu erschrecken. »América«, flüsterte er, »ich bin's, Cándido, ich bin zurück.« Sie antwortete nicht. Und das war eigenartig, denn als er um den schwarzen Block des Autowracks kam, sah er sie sofort, in ihrer Unterwäsche vor dem Feuer kniend, mit dem Rücken zu ihm, ihr Kleid im Schoß. Sie nähte, das war es, hantierte mit Nadel und Faden am Stoff, hob ihn immer wieder dicht vor die Augen und lehnte sich dann vor, dem flackernden Licht des Feuers entgegen. Die unermüdlichen Bewegungen ihrer Finger und Handgelenke ließen ihre schmächtigen Schulterblätter wie kleine Flügel auf und nieder gehen. Ihr Anblick überströmte ihn mit Trauer und Schuldgefühlen: er mußte ihr mehr bieten, das mußte er einfach. Am nächsten Tag würde er ihr ein neues Kleid kaufen, nahm er sich vor und dachte dabei an den Secondhandladen bei der Arbeitsvermittlung. Billige Angebote gab es in diesem Laden nicht, das sah er ohne näheres Hinsehen - er war für Gringos, für Pendler und Grundstücksbesitzer und Ausflügler auf dem Weg zum Strand -, aber ohne Transportmittel blieb ihm keine andere Wahl. Er betastete die Geldscheine in seiner Tasche und schwor sich, sie am nächsten Abend mit einem Kleid zu überraschen.
Dann trat er zu ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »He, mi vida, ich bin wieder da«, und er wollte ihr gleich von Al Lopez, von dem Job und den fünfzig Dollar in seiner Tasche erzählen, aber sie zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen und wandte ihm das Gesicht einer Fremden zu. In ihrem Blick lag etwas, was vorher nicht dagewesen war, etwas Schlimmeres, viel Schlimmeres als das, was er am vorigen Abend erahnt hatte, als sie aus dem Wagen des reichen Mannes gestiegen war. »Was ist los?« fragte er. »Was ist denn passiert?«
Sie sah teilnahmslos ins Leere. Sie mied seinen Blick, ihre Hände lagen so verkrampft in ihrem Schoß, daß sie aussahen wie die eines Krüppels.
Er kniete neben ihr nieder und sagte mit eindringlichem, bedauerndem Flüstern: »Ich habe Geld verdient, gutes Geld, und ich werde dir ein Kleid kaufen, ein neues Kleid, gleich morgen, sobald ich - gleich wenn ich mit der Arbeit fertig bin ... und ich weiß, daß ich Arbeit bekomme, ganz bestimmt, jeden Tag jetzt. Du mußt das Ding da nicht mehr tragen, brauchst es nicht mehr zu flicken. Gib mir nur eine Woche oder zwei, mehr verlange ich nicht, dann habe ich uns hier rausgebracht, dann haben wir die Wohnung, die wir wollten, und du wirst zehn Kleider haben oder zwanzig, einen ganzen Schrank voll ...«
Aber sie reagierte nicht - saß nur still vor ihm, den Kopf gesenkt, das Gesicht hinter dem Vorhang ihres Haars versteckt. Jetzt bemerkte er die Kratzer auf ihrem Nacken, wo das Haar sich teilte und nach vorn über die Schultern fiel. Drei geschwollene rote Kratzer, die ihn wie zornige Augen anstarrten, unverkennbar, unbestreitbar. »Was ist passiert?« wollte er wissen und bedeckte ihre Wunden mit einer zitternden Hand. »War das dieser rico? Hat er irgendwas bei dir versucht, dieser Dreckskerl? Ich schwöre, ich bring ihn um ... den werde ich ...«
Ihre Stimme klang ganz leise, erstickt, ein schwacher Vorstoß in den Bereich des Hörbaren. »Sie haben mir mein Geld weggenommen.«
Und jetzt wurde er grob, obwohl er es gar nicht wollte. Er riß sie an den Schultern herum und zwang sie, ihm ins Gesicht zu sehen. »Wer hat dir dein Geld weggenommen - wovon redest du?« Und dann wußte er es, wußte alles, so sicher, als wäre er dabeigewesen. »Diese vagos? Es war der mit der Mütze, stimmt's? Der Halb-Gringo, ja?«
Sie nickte. Er vergaß seinen Hunger, vergaß den Topf auf der Glut, die Nacht, den Rauch des Feuers, die Erde unter seinen Knien, sah nur noch ihr Gesicht und ihre Augen. Sie begann zu weinen, ein leises, katzenhaftes Winseln, das ihn nur noch wütender machte. Wieder packte er ihre Schultern, schüttelte sie erneut. »Wer noch?«
»Ich weiß nicht. Ein Indio.«
»Wo?« brüllte er. »Wo war es?«
»Auf dem Pfad.«
Auf dem Pfad. Sein Herz erstarrte um
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