América
Rasenmäher anwerfen, mit einem Gebläse die Steinflächen reinigen, Blumenbeete jäten und Hecken stutzen -, während sie auf Nachrichten von Hilario warteten. Wochen vergingen. Cándido teilte sich eine kleine Wohnung in der Nähe der Shoup Avenue in Woodland Hills mit sechs anderen Männern, und die Enge, der Schmutz und der Gestank dort erinnerten ihn an seinen ersten Aufenthalt in Los Angeles, an die dreckige Bude in Echo Park. Er schickte Geld nach Hause und telegrafierte an Resurrección, daß er zu Weihnachten nach Hause käme. Schließlich erfuhren sie, daß Hilario zurück in Guererro war; man hatte ihn von Oregon aus abgeschoben, und von der mexikanischen Bundespolizei war ihm gleich an der Grenze seine ganze Habe abgenommen worden.
Eine Zeitlang lief alles prima. Cándido verdiente hundertsechzig Dollar die Woche, im Monat gab er zweihundert für die Miete aus, dazu noch einen Hunderter für Essen, Bier, gelegentliche Kinobesuche, den Rest schickte er nach Hause. Arturo wurde ein guter Freund. Die Arbeit war ein Kinderspiel verglichen mit dem Scharren im Dreck der Kartoffeläcker wie ein menschlicher burro oder mit dem Zitronenpflücken bei achtundvierzig Grad Hitze. Er entspannte sich langsam. Fühlte sich zu Hause. Wagontire/Oregon war eine ferne Erinnerung.
Und dann stürzte das Dach ein. Jemand gab La Migra einen Tip, und sie machten eine Razzia in der ganzen Gegend, um sechs Uhr früh griffen sie die Leute auf der Straße auf, vor dem Supermarkt und an der Bushaltestelle. Hundert Männer und Frauen, sogar ein paar Kinder standen auf dem Bürgersteig aufgereiht, starrten auf ihre Füße, während die kotzegrünen Busse der Einwanderungsbehörde vorfuhren, um sie nach Tijuana zu bringen, ohne Rückfahrkarte, die Türen verschlossen, die Fenster vergittert, und all ihre armseligen Besitztümer - die Fernseher, bei denen ständig das Bild durchlief, die Matratzen auf dem Fußboden, Kleidungsstücke und Kochutensilien - blieben in den Behausungen zurück, für die Plünderer und die Müllabfuhr.
Sechs Uhr früh. In der Menge stand auch Cándido, in Arbeitskluft. In der Wohnung direkt hinter ihm waren in einem Stoffbeutel unter der Spüle hundertzehn Dollar versteckt. Die Dunkelheit wurde nur vom häßlichen gelben Licht der Straßenlampen und den grell glühenden Augen der Busse erhellt. Es war kalt. Eine Frau neben ihm weinte leise; ein Mann schrie auf einen der spanischsprechenden Beamten ein, sein Tonfall war nervend und jammervoll: »Meine Sachen«, sagte er immer und immer wieder, »was ist mit meinen Sachen?« Cándido war gerade zur Tür hinausgetreten, um vor dem Haus auf Arturo zu warten, der ihn gleich mit dem Kleinlaster ihres Bosses abholen sollte, als La Migra ihn erwischte, und nun stand er mit all den anderen Pechvögeln in einer Reihe. Acht Einwanderungsbeamte, darunter zwei Frauen, nahmen sich die Mexikaner vor, einen nach dem anderen, und die Mexikaner standen Ellenbogen an Ellenbogen, als wären sie aneinandergekettet und mit der Straße verwurzelt, ans Weglaufen dachten sie nicht, sie rührten keinen Muskel, bewegten sich nicht einmal. Das war die mexikanische Art: sich fügen, die Dinge akzeptieren. Sie würden sich ändern, ganz bestimmt würden sie das, aber nur wenn Gott es so wollte.
Cándido hörte die Frau neben sich leise weinen und dachte über diesen Fatalismus nach, diese Schicksalsergebenheit, die Unfähigkeit seines Volkes, im Angesicht der Autorität etwas zu unternehmen, ob es recht oder unrecht, schlecht oder gut war, und da rief plötzlich eine Stimme in seinem Kopf: Los! Lauf weg, solange dieser schwabbelgesichtige Behördenfettsack noch fünf Mann weit weg von dir ist, mit seiner Taschenlampe und dem Clipboard und der grünäugigen Hure, die hinter ihm geht. Lauf weg!
Er rannte auf eine Reihe von Pfefferbäumen auf der anderen Straßenseite zu, und sein Ausbruch ließ zwei weitere Männer in der Schlange in Aktion treten und mit ihm fliehen, worauf das ganze Macho-Corps der Einwanderungsbeamten unisono losbrüllte und in einer Welle hinter ihnen hersetzte. »Stop!« schrien sie, »Stehenbleiben! Ihr seid verhaftet!« - englische Wörter, die jeder Mexikaner kannte -, aber Cándido und die zwei anderen blieben nicht stehen. Sie rannten über die Straße und durch die Bäume, kämpften sich die mit Unrat übersäte Böschung hinauf zu dem Zaun, der die Schnellstraße absperrte, und dann, La
Migra direkt hinter ihnen, kletterten sie über diesen Zaun und standen
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