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Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Titel: Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Geert Mak
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Reihe nach ihre Namen und schrien in ihrer eigenen Sprache: ›Ich bin hier! Ich bin hier!‹«
    Danach folgten die Feindseligkeiten in immer kürzeren Abständen. Die Soldaten bauten Befestigungen, die Indianer entwickelten verschiedenste Guerillataktiken, die Gewalt eskalierte. 1866 wurde der junge Captain William Fetterman, der kurz zuvor noch geprahlt hatte, er könne problemlos durch das Sioux-Gebiet reiten, mit achtzig zumeist unerfahrenen Rekruten in einen Hinterhalt gelockt und getötet.
    1874 kam es zu einem Konflikt mit den Lakota-Sioux, in dem es um einen Teil ihres Gebietes ging, die Black Hills im heutigen Staat South Dakota, heiliger Boden für die Indianer und – buchstäblich – eine mögliche Goldmine für die Weißen. Außerdem wollte die Nothern Pacific Railway die Eisenbahnlinie von Bismarck aus nach Westen hin ausbauen, bis ins Montana Territory. Verhandlungen führten zu keinem Resultat, Goldsucher zogen in immer größerer Zahl in die Black Hills, und schließlich beschloss die amerikanische Regierung, die widerspenstigen Cheyenne und Lakota-Sioux zum Nachgeben zu zwingen. Das war der Beginn des Großen Sioux-Kriegs von 1876. Die Strafexpedition des 7. Kavallerieregiments unter General Custer fand im Juni 1876 im Rahmen dieses Feldzugs statt. Rückblickend betrachtet war dies ein Musterbeispiel für die Arroganz und Blindheit, mit der die Götter mächtige Nationen strafen.
    Vieles wiederholt sich in der Geschichte, auch die Schlacht am Little Bighorn. »Wir gehen davon aus, dass wir Jagd auf Sitting Bull machen und ihm die Kehle durchschneiden werden«, schrieb einer der Soldaten an seine Schwester, »und wenn der alte Custer sich an seine Fersen heftet, dann wird er ihm eine ordentliche Abreibung verpassen, denn alle Jungs sehnen sich nach einer Schlacht.« Custer und die anderen Kommandeure rückten den Indianern jedoch mit zu wenig Männern zu Leibe. Custers Regiment zählte nicht mehr als etwa 650 Soldaten, denen nach heutigen Schätzungen 1000 bis 2500 kampferprobte Sioux und Cheyenne gegenüberstanden. Mehr als ein Jahrhundert später, 1993, wurde derselbe Fehler bei der desaströsen Operation United Shield in Somalia gemacht: viel zu wenig Soldaten in einem zu großen, zu unübersichtlichen und zu gefährlichen Land. Und auch der Irakkrieg 2003 wurde auf Basis falscher Informationen begonnen; die CIA hatte praktisch keine Agenten vor Ort und verfügte nur über wenig Detailwissen.
    Auch General Custer zog mit dem Übermut des Unwissenden in den Kampf. Im Frühjahr 1876, ein paar Monate vor der fatalen Schlacht, erklärte er in einer Rede vor New Yorker Geschäftsleuten – er war ein beliebter Sprecher –, sein Regiment könne »alle Indianer in den Great Plains geißeln und besiegen«. Als Custer von einem Hügel aus das feindliche Lager zum ersten Mal sah, entdeckte er mehr Indianer, als er jemals zuvor auf einmal gesehen hatte; es wimmelte nur so von Frauen, Kindern und Hunderten von Kriegern. Seine Soldaten hatten furchtbare Angst, der wichtigste Kundschafter und Übersetzer, Mitch Boyer, halb Franzose, halb Lakota, warnte ihn davor weiterzuziehen – »Wir haben keine Chance« –, doch Custer ließ sich durch nichts zurückhalten. Fröhlich rief er seinen Männern zu: » Boys, hold your horses – da unten gibt es genug für jeden von uns.«
    Er kannte das Gelände nicht, das sie durchqueren mussten, zu spät wurde ihm klar, dass seine Männer eine ganze Reihe von Gräben und Felsen überwinden mussten. Außerdem hatte er keine Ahnung, wie viele Sioux und Cheyenne sich tatsächlichen dort versammelt hatten: weitaus mehr Männer, als er selbst anführte. Und so war er dann auch sehr überrascht, als plötzlich, wie aus dem Nichts, Aberhunderte Krieger auftauchten.
    Custer galt als hervorragender Offizier und großer »Indianerjäger«, aber seine Truppen waren lediglich für eine geordnete Schlacht ausgebildet und verfügten über keinerlei Taktik, mit der sie dem Guerillakampf der Indianer hätten begegnen können. Auch als gestandene Westernhelden konnte man seine Soldaten nicht bezeichnen: 40 Prozent der Männer waren nicht einmal in den Vereinigten Staaten geboren, 12 Prozent stammten aus Deutschland, 17 Prozent aus Irland, und die Übrigen kamen – typisch für den damaligen Schmelztiegel Amerika – aus England, Polen, der Schweiz, Spanien, Italien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Kanada und Russland.
    Zudem unterschätzte man die Entschlossenheit und Bewaffnung des

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