Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
Grenze ohne eine besondere Genehmigung zu überschreiten. Präsident Jackson versprach den Indianern 1835, dass das neue Territorium für immer, »sicher und garantiert«, das ihre bleiben würde. 1840 war die Operation abgeschlossen.
So sah die Geschichte auf dem Papier aus. Tocqueville und Beaumont erhaschten Ende Dezember 1831 von ihrem Boot auf dem Mississippi bei Memphis aus auch einen Blick auf die Wirklichkeit. Vom Ufer her näherten sich etwa sechzig Choctaw-Indianer, die aufgrund des Indian Removal Acts unter Leitung eines Regierungsbeamten nach Arkansas übergesetzt werden sollten, um sich anschließend auf die lange Reise zum Indianerterritorium im heutigen Oklahoma zu machen. Es war einer der kältesten Winter seit Jahren, der Schnee, der den Boden bedeckte, war hart gefroren, überall im Fluss trieben Eisschollen. Die Indianer hatten weder Zelte noch Wagen, ganze Familien waren unterwegs, Kranke, Neugeborene und Alte eingeschlossen. »Ihr Besitz besteht aus fast nichts, ein Pferd, ein Jagdhund, ein Gewehr, eine Decke – und das ist das Vermögen der Reichsten«, schrieb Beaumont. Für die Indianer war dies der endgültige Abschied von ihren angestammten Jagdgebieten. In Über die Demokratie in Amerika beschreibt Tocqueville, wie es weiterging: »Man vernahm in dieser Menge weder Schluchzen noch Klagen; ihr Unglück war alt, und sie fühlten, daß es kein Heilmittel dagegen gab. Die Indianer hatten alle schon das Schiff bestiegen, das sie übersetzen sollte; ihre Hunde blieben noch am Ufer; als diese Tiere endlich merkten, daß es eine Trennung für immer sein sollte, brachen sie alle in ein schreckliches Geheul aus; sie warfen sich alle zugleich in die eisigen Fluten des Mississippi und folgten schwimmend ihren Herren.«
In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde The Line immer weiter nach Westen verschoben. 1838 deportierte man 15 000 Cherokees auf dieselbe Weise aus Georgia ins Indianerterritorium. Etwa 4000 von ihnen starben während dieses sogenannten Trails of Tears .
Und The Line blieb eine Grenze mit Löchern: Weiße Siedler, Goldsucher, Pelzjäger und umherziehende Veteranen ließen sie unbeachtet, und dasselbe galt auch für die Indianer, die – oft notgedrungen – hinter den Bisonherden und anderem Jagdwild herzogen. Deshalb verfolgte man ab etwa 1850 eine neue Politik: Für die verschiedenen Indianervölker und -stämme wurden Gebiete ausgewiesen, »Reservate« oder »Kolonien«. Dort konnten sie sich die Landwirtschaft und andere Errungenschaften der Weißen zu eigen machen, und sie waren auch den Siedlern und Eisenbahngesellschaften nicht mehr im Weg. Zum Teil mit Gewalt, zum Teil mit sogenannten »Verträgen« wurden viele Stämme in diese Gebiete gebracht.
Manche Völker weigerten sich. Die Lakota-Sioux hatten sich bereits im 18. Jahrhundert eine starke Position verschafft. Durch Handel mit Weißen waren sie in den Besitz von Pferden und Feuerwaffen gelangt; das hatte ihren Aktionsradius bei der Bisonjagd erheblich erweitert und sie hatten große Gebiete von anderen Indianerstämmen erobert. Sie spezialisierten sich immer mehr auf die Jagd und den Kampf. Krieger standen in hohem Ansehen, und um 1825 beherrschten die Lakota-Sioux weite Teile der Great Plains . Mit den ebenfalls mächtigen Cheyenne schlossen sie ein Bündnis.
Andere Stämme flohen immer wieder aus den Reservaten, teils aus Gewohnheit, teils aus bitterer Notwendigkeit: Die Zahl der Bisons nahm ab, und andere Nahrung gab es oft kaum. Im August 1862 erstürmte eine Gruppe ausgehungerter Dakota-Sioux ein Lebensmitteldepot in Minnesota und ermordete fünf Siedler, ein Zwischenfall, der den Beginn des Sioux-Aufstandes markierte und zu grausamen Massakern an den Siedlern führte, bei denen am Ende 500 bis 800 weiße Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren. Das war die erste massive Reaktion der Indianer auf die Politik der Vertreibung und Verfolgung.
Im September erfolgte der Gegenangriff, und die Sioux wurden von einer übermächtigen Militäreinheit geschlagen. Am Tag nach Weihnachten führte man 38 zum Tode verurteilte Dakota-Sioux zum Galgen. Es war die größte Massenexekution in der amerikanischen Geschichte. Die verurteilten Indianer sangen und tanzten, die viereckige Plattform mit dem Galgen zitterte unter ihrem Gewicht. »Das Singen und Tanzen schien einzig den Zweck zu haben, einander für diese letzte Prüfung Mut zu machen«, schrieb ein Augenzeuge. »Als der letzte Moment rasch näher kam, riefen sie der
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