Amerikanische Reise
auch beinahe-sozialistisch
seien. Dementsprechend sei die Arbeitsmoral – das habe er schon als Berufsanfänger erfahren müssen. Er saß damals in Frankfurt
in einer ordentlichen Etage, gute Adresse, und er hat gedacht, das Schicksal hätte ihm den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt
und er brauche nur noch abzuziehen. Dann erkannte er, daß er höchstens einen Freistoß erwischt hatte und daß es eine ganze
Menge Leute gab, die unversehens zur Mauer eilten. Keine aggressiven Verteidiger, sondern eben einfach Mauerer, die, so sah
Walter es, lediglich nicht arbeiten wollten. Zuerst glaubte er noch, die Widerstände beseitigen zu können, aber die Sache
gestaltete sich schwierig. Er verdarb es sich mit irgendeinem Sachbearbeiter, bei dem aber, was er anfangs nicht bemerkt hatte,
eine ganze Menge Fäden zusammenliefen. Der Mann war auch nicht dumm, jedenfalls kannte er sich in den Tarifverträgen und im |57| Arbeitsrecht aus. Nach einem halben Jahr kam es zu einer unschönen Szene: Walter hatte seinen Gegner bei der Strickjacke gepackt,
eine Araukarie aus dem Fenster geworfen und die Gießkanne gleich hinterher.
Er war für zwei Wochen krankgeschrieben gewesen, fühlte sich aber nach ein paar Tagen bereits wieder soweit auf der Höhe,
daß er ein paar dringende Dinge erledigen wollte. Und als er ins Büro kam, war sein Gegner beim Blumengießen – die Araukarie
– und hatte angeblich alle Hände voll zu tun. Walter blieb ruhig wie eine Stange Dynamit und listete seine Wünsche auf, nichts
Ungewöhnliches, ein paar Briefe, Kleinkram. Die Begründung, mit der sich sein Gegner beim Araukariengießen weigerte, auch
nur einer einzigen der Forderungen nachzukommen, war allerdings originell: Er stellte fest, daß Walter noch eine Woche krankgeschrieben
sei und sich somit nicht im Büro aufhalten dürfe, versicherungsrechtlich beispielsweise. Niemand, erklärte er, komme dafür
auf, wenn Walter bei seiner in gewissem Sinne illegalen Arbeit etwas zustoße. Walter ging nun hoch, verlor die Kontrolle und
riß seinem Gegenüber die Gießkanne aus der Hand, packte ihn bei der Strickjacke und nannte ihn ein faules Schwein. Die Araukarie
flog raus. Dann hatte er den anderen wieder am Kragen, schubste ihn vor sich her, Richtung Schreibtisch. Wenn hier einem etwas
zustoße, stellte er fest, dann nicht ihm, und er zog die Strickbündchen enger zusammen und brüllte weiter, obwohl die Tür
aufging und ein paar Zeugen den Raum betraten. Während Walter den Sachbearbeiter weiter durch den Raum schob, erklärte er
allen, was er unter Arbeit verstand und was er von Tarifverträgen und Arbeitsrecht hielt und Gießkannen, die er stellvertretend
für die ersten beiden mit einer Hand aus dem Fenster warf, während er mit der anderen seinen |58| Gegner auf die Schreibtischplatte drückte. Und wie der ihn von unten angstvoll ansah, packte Walter eine unglaubliche Lust,
ihm rechts und links ein paarmal kräftig ins Gesicht zu schlagen, und dann noch einmal mit der Faust genau zwischen diese
ängstlichen Sachbearbeiteraugen, die nie etwas anderes vom Leben erwartet hatten, als daß es möglichst schmerzfrei und unanstrengend
vorübergehen möge. Walter hob langsam die Hand und ballte sie zusammen, aber das Schicksal meinte es gut mit ihm und aktivierte
irgendwo in seinem Innern einen Rest Selbstbeherrschung. Er ließ die Hand wieder sinken und gab die Strickbündchen frei. Er
richtete sich auf und sah die Zuschauer feindselig an. Sie bahnten ihm freiwillig eine Gasse, und er ging hinaus.
»Es war vielleicht etwas rabiat«, sagt Walter. »Ich war überrascht, daß so etwas möglich ist.«
Kristin ist verärgert, daß Walter über sich geredet hat, anstatt Jan erzählen zu lassen. Sie rührt mit den Stäbchen, die ihre
schlanken Finger verlängern, in den Schälchen herum. Die Eleganz, mit der sie die letzten Zuckerschoten zum Mund balanciert,
steht in einem merkwürdigen Widerspruch zu der Tatsache, daß sie verstimmt ist.
»Solche Leute triffst du überall«, sagt sie.
»Ja, aber hier kannst du sie loswerden«, behauptet Walter. »In Deutschland sind sämtliche Gesetze für solche Wichser maßgeschneidert.«
Auch ihm gelingt jetzt die unbeschwerte Stimmung nicht mehr, die er am Anfang hatte verbreiten wollen. Seine Nase kommt Jan
eine Idee länger vor als früher. Er fragt sich, ob dieser flüchtige Eindruck eine erste Andeutung des Alterns ist, eine Spur,
die die gerade erzählte
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