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Anna Karenina

Anna Karenina

Titel: Anna Karenina Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lew Tolstoi
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aufgewacht; alle Angst und Qual habe ich überstanden
    und bin nun schon lange, namentlich seit wir hier wohnen, so glücklich, so glücklich! ...« sagte sie und blickte
    Dolly mit einem Lächeln an, in dem eine schüchterne Frage lag.
    »Das freut mich wirklich!« antwortete Dolly lächelnd, aber unwillkürlich in kühlerem Tone, als sie es selbst
    gewollt hatte. »Es freut mich sehr, daß du dich wohl fühlst. Warum hast du denn gar nicht an mich geschrieben?«
    »Warum ich nicht geschrieben habe? Ich habe es nicht gewagt. Du vergißt meine Lage ...«
    »An mich? An mich zu schreiben hast du nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie ich ... Ich bin der Ansicht ...«
    Darja Alexandrowna wollte die Gedanken aussprechen, die ihr am Vormittag durch den Kopf gegangen waren; aber sie
    hatte die undeutliche Empfindung, daß das jetzt hier doch nicht am Platze sei.
    »Nun, davon ein andermal. Was sind denn das da alles für Gebäude?« fragte sie, um dem Gespräch eine andere
    Wendung zu geben, und wies auf eine Anzahl von roten und grünen Dächern hin, die über grüne lebende Hecken von
    Akazien und Flieder herüberschauten. »Das ist ja ordentlich eine kleine Stadt.«
    Aber Anna antwortete nicht darauf.
    »Nein, nein! Wie denkst du denn über meine Lage? Was ist deine Ansicht? Nun?« fragte sie.
    »Ich denke ...«, begann Darja Alexandrowna; aber in diesem Augenblick galoppierte Wasenka Weslowski, der dem
    Pony wirklich den Rechtsgalopp beigebracht hatte, an ihnen vorüber, in seiner kurzen Jacke auf das sämische Leder
    des Damensattels schwer niederklatschend. »Es ist gelungen, Anna Arkadjewna!« rief er. Anna blickte gar nicht
    einmal zu ihm hin; aber Darja Alexandrowna hatte wieder die Empfindung, daß es unangemessen sei, ein
    voraussichtlich nicht kurzes Gespräch über diesen Gegenstand im Wagen zu beginnen, und daher brach sie in der
    Mitteilung ihres Gedankens ab.
    »Ich habe eigentlich gar keine Ansicht darüber«, sagte sie, »aber ich habe dich immer gern gehabt, und wenn man
    jemand gern hat, so hat man den ganzen Menschen gern, wie er ist, und nicht, wie man möchte, daß er wäre.«
    Anna wandte ihren Blick von dem Gesicht ihrer Freundin weg, kniff die Augen zusammen (dies war eine neue
    Angewohnheit, die Dolly noch nicht an ihr kannte) und dachte nach in dem Bestreben, den Sinn dieser Worte
    vollständig zu erfassen. Und als ihr dies augenscheinlich nach Wunsch gelungen war, blickte sie Dolly wieder ins
    Gesicht.
    »Wenn du Sünden hast«, sagte sie, »so müssen sie dir alle für deinen Besuch und für diese Worte vergeben
    werden.«
    Und Dolly sah, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Schweigend drückte sie Annas Hand.
    »Also was sind denn das für Gebäude? Welch eine Menge!« wiederholte sie nach kurzem Stillschweigen ihre
    Frage.
    »Das sind die Häuser der Angestellten, die Fabrik, die Pferdeställe«, antwortete Anna. »Und hier fängt der Park
    an. All dies war verwahrlost; aber Alexei hat alles wieder instand setzen lassen. Er hat großes Gefallen an diesem
    Gute und hat, was ich niemals erwartet hätte, leidenschaftliches Interesse für die Landwirtschaft gewonnen. Aber er
    ist ja auch eine so reich begabte Natur! Was er nur vornimmt, das macht er auch vortrefflich. Weit entfernt, daß er
    sich hier auf dem Lande langweilen sollte, ist er vielmehr mit einer wahren Leidenschaft tätig. Man erkennt ihn
    kaum wieder: er ist ein wirtschaftlicher, vortrefflicher Landwirt geworden; er ist in der Landwirtschaft sogar
    geizig. Aber auch nur in der Landwirtschaft. Da, wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht«, sagte sie
    mit jenem listigen, frohen Lächeln, mit dem Frauen oft von geheimen, ihnen allein bekannten Eigentümlichkeiten des
    geliebten Mannes reden. »Siehst du zum Beispiel dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus. Ich glaube,
    es wird ihn mehr als hunderttausend Rubel kosten. Das ist jetzt sein Steckenpferd. Und weißt du, wie er darauf
    gekommen ist, es zu bauen? Die Bauern hatten ihn, glaube ich, gebeten, ihnen die Pacht für die Wiesen zu ermäßigen;
    aber er hatte es ihnen abgeschlagen, und ich machte ihm den Vorwurf, er sei geizig. Natürlich nicht deshalb allein,
    aber doch deshalb mit begann er dieses Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig sei.
    Man kann ja sagen, das wäre kleinlich, aber ich liebe ihn deswegen nur um so mehr. Und nun wirst du gleich unser
    Haus sehen. Es stammt noch von seinem Großvater her und ist

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