Back to Blood
französisch aus, »a-iitiääännnh« — die da ordentlich auf dem kleinen Stuhl saß. Sie war Französin. Sie hatte französisches Blut in ihren Adern, sie war im Grunde eine junge französische Frau du monde, geschliffen, brillant, schön, souverän und elegant, wenn sie elegant sein wollte.
Mit gesenkter Stimme, fast flüsternd, sagte er zu seiner zum Glück unkreolischen Tochter, »Irgendwas ist heute in der Schule passiert. So viel habe ich verstanden. Im Unterricht.«
Die Stimme von Antoine, der pausenlos redete, wurde lauter. Anscheinend bewegten sich die beiden Jungen auf sein Büro zu.
Also steht Lantier auf, öffnet die Tür und sagt fröhlich auf Französisch, »Philippe! Ich dachte mir schon, dass ich deine Stimme gehört hätte! Du bist früh dran heute!«
Philippe machte ein Gesicht, als hätte man ihn gerade bei etwas ertappt … das ganz und gar nicht anständig war. Genauso sein Freund Antoine. Antoine sah aus wie ein harter Bursche, schwer, aber nicht zu fett. Im Augenblick hatte er den angespannten Gesichtsausdruck eines Menschen, der am liebsten die Flucht ergreifen würde. Was für ein abgerissenes Pärchen die beiden abgaben! … so tief an den Hüften hängende Jeans, dass ihre knallbunten Shorts selbst bei bestem Willen nicht zu übersehen waren … anscheinend je tiefer und bunter, desto besser. Der Jeansstoff der Hosenbeine ergoss sich über den Boden und deckte alles zu bis auf ihre Sneakers, auf denen kreuz und quer bunte Streifen leuchteten … beide steckten in zu großen, zu weiten T-Shirts, deren Ärmel bis über die Ellbogen reichten und die aus der Jeans heraushingen, aber nicht lang genug waren, um die scheußlichen Boxershorts zu verdecken … um den Kopf hatten sie sich Bandanas geschlungen, die die »Farben« von weiß Gott welcher Bruderschaft trugen, der anzugehören sie glaubten. Bei ihrem Anblick — so amerikanisch Neg wie nur irgend möglich — bekam Lantier eine Gänsehaut. Aber er musste gezwungenermaßen seinen launigen Auftritt durchhalten und sagte auf Französisch zu Antoine, »Nun, Antoine … ist lange her, seit du uns das letzte Mal besucht hast. Ich wollte Philippe gerade fragen, wie es sein kann, dass heute die Schule schon so früh aus ist?«
»Papa!«, flüsterte Ghislaine entsetzt.
Lantier bereute sofort, was er gerade gesagt hatte. Ghislaine konnte nicht fassen, was ihr Vater, den sie so sehr bewunderte, getan hatte. Dass er sich über diesen armen ahnungslosen Fünfzehnjährigen lustig machte, indem er Französisch mit ihm sprach, nur um seinen verwirrten Gesichtsausdruck sehen zu können. Ihr Vater wusste, dass Antoine kein einziges Wort Französisch konnte, die Amtssprache des Landes, in dem er seine ersten acht Lebensjahre verbracht hatte. Ihr Vater wollte ihr und Philippe nur demonstrieren, was für ein besonders förderungsbedürftiges — der in öffentlichen Schulen gebräuchliche Euphemismus — was für ein besonders förderungsbedürftiges Gehirn dieser arme Schwarz-wie-die-Nacht-Junge hatte. Schließlich war es nicht so, dass er um schlechtes Blut gebeten hatte. Er war mit dieser Heimsuchung geboren worden. Sie konnte nicht fassen, dass ihr Vater es mit seiner Frage noch auf die Spitze getrieben hatte. Antoine konnte ja nicht gut einfach nur dastehen und nicken. Er musste etwas sagen … »Ich spreche kein Französisch« war das Mindeste. Stattdessen stand der Junge mit offenem Mund da.
Bei Ghislaines Gesichtsausdruck bekam Lantier ein schlechtes Gewissen. Er wollte es wiedergutmachen, indem er seine Frage so wiederholte, dass Antoine sie verstehen konnte, sie obendrein besonders gut gelaunt wiederholte, um ihm zu zei gen, dass er sich nicht über ihn lustig machen wollte. Also sprach er Englisch. Er wollte verflucht sein, wenn er in den Sumpf des Kreolischen hinabstiege, nur um einem Fünfzehnjährigen, der schlechtes Blut hat, das Leben unnötig zu erleichtern, aber er trug zu dick auf mit seinem Frohsinn und überspannten Gegrinse :::::: Merde! Übertreibe ich jetzt? Glaubt der große Lümmel jetzt, dass ich mich über ihn lustig mache?:::::: Schließlich sagte er einfach — auf Englisch — »… wollte Philippe gerade fragen, warum heute die Schule schon so früh aus ist?«
Antoine schaute Hilfe suchend zu Philippe. Der bewegte seinen Kopf so langsam und unauffällig wie möglich hin und her. Antoine schien aus den Signalen keine klare Botschaft herauslesen zu können … verlegenes Schweigen … Schließlich sagte er, »Ja …
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