Back to Blood
weiß nicht … Ja … Ja, sie haben gesagt, Schule ist heute früher aus.«
»Und sie haben nicht gesagt, warum?«
Diesmal wandte sich Antoine um volle neunzig Grad um, damit er Philippe in der Hoffnung auf ein Zeichen mitten ins Gesicht schauen konnte … irgendein Zeichen, das ihm signalisierte, was er sagen sollte. Aber Philippe hatte kein Signal für ihn, sodass Antoine auf seinen alten Spruch zurückgreifen musste, »Weiß nicht.«
»Sie haben nichts gesagt?«
Offenbar wollte Antoine nicht sagen, warum, was Lantiers … mildes … Interesse weckte. Abgesehen davon, kam er Lantier wie ein fünfzehnjähriger haitianischer Junge vor, der ihm den pseudounwissenden amerikanischen Neg vorspielen wollte. Antoine brummte schließlich, »Nee.«
Nee … was für eine Vorstellung! … Was für ein perfekter Mime er doch war! Er drehte sich wieder ganz zu Philippe um. Seine ganze Haltung, der zusammengesackte Oberkörper, die schlaff an der Seite herunterhängenden Arme waren ein einziges Signal für »Hilfe!«.
Was war das? Am Nackenansatz waren Antoines Haare stoppelkurz geschnitten … und sorgfältig der Buchstabe »C« und zwei Zentimeter daneben die Zahl »4« ausrasiert.
»Was bedeutet C4?«, fragte Lantier, der immer noch den aufgeräumt Fröhlichen spielte. »Ich habe da hinten an deinem Kopf gerade ein C und eine 4 gesehen.« Wieder ein entsetztes »Papahhh! « von Ghislaine.
Worauf Lantier Antoine anlächelte, um ihm den Eindruck von freundlicher Neugier zu vermitteln. Ohne Erfolg. Stattdessen hörte er wieder die entsetzte Ghislaine. »Ohhhhh Gott.«
Antoine drehte sich um und schaute Lantier mit glühendem Hass an.
»Bedeutet nix. Heißt einfach, dass ein paar von uns in der C4 sind, mehr nicht.« … Schwer gedemütigt … wütend. Frag mich das nie wieder!
Lantier wusste nicht, was er sagen sollte. Offensichtlich war es ratsam, von der C4-Taste die Finger zu lassen. Er wandte sich an Philippe. »Du bist wirklich ziemlich früh zu Hause heute …«
»Du auch«, sagte Philippe. Die blaffende Aufmüpfigkeit sollte zweifellos Antoine beeindrucken. Jedenfalls beeindruckte sie Lantier … als eine unverzeihliche Flegelei, die nicht wieder gutzumachen war, als ein Affront, der zu provozierend war, als dass er ihn hätte durchgehen lassen können …
Aber Ghislaine sagte, »Ohhh, Papa …« Diesmal lag in der Betonung auf Papa die Bitte: Lass es bitte gut sein. Putz Philippe nicht runter, nicht vor Antoine.
Lantier schaute die beiden Jungen an. Antoine war schwarz … in jeder Hinsicht. Aber Philippe hatte noch eine Chance. Er war so hellhäutig wie er selbst … nur einen Hauch zu dunkel, um als Weißer durchzugehen … aber nicht so dunkel, dass eine So-gut-wie-weiß-Persona unerreichbar wäre. Was war dafür nötig? Nichts Unmögliches … sprachliches Ge schick, ein kultivierter Akzent … ein leicht französischer Ak zent war perfekt, wenn man Englisch oder Italienisch, Spanisch, ja sogar Deutsch oder Russisch sprach — oh ja, besonders Russisch … und es würde nicht schaden, wenn dabei beiläufig die jahrhundetealten Bande der Lantiers zu den adeligen de Lantiers aus der Normandie anklängen. Aber Philippe zog eine starke Strömung genau in die entgegengesetzte Richtung. Wenn haitianische Jungen wie Philippe und Antoine von Haiti nach Miami kamen, dann mussten sie einen Spießrutenlauf durchmachen — einen wirklichen Spießrutenlauf! Schwarze amerikanische Jungen spürten sie sofort auf und verprügelten sie auf dem Weg zur Schule und auf dem Weg nach Hause. Verprügelten sie! Mehr als einmal war Philippe mit blauen Flecken im Gesicht nach Hause gekommen, mit Prellungen. Lantier war entschlossen gewesen, einzuschreiten und etwas dagegen zu unternehmen. Aber Philippe flehte ihn an — flehte ihn an! — nichts zu tun. Das würde alles nur noch schlimmer machen, Papa! Dann würden sie es ihm richtig besorgen. Also taten alle haitianischen Jungen das Gleiche. Sie versuchten sich in amerikanische Schwarze zu verwandeln … die Klamotten, die ausgebeulten Jeans, die Boxershorts, die hinten rausschauten … die Art, wie sie redeten, das ganze yo, bro, ho, homey, mo’vucker, ca’zucca . Man musste sich Philippe nur anschauen. Seine Haare waren so schwarz und glatt wie die von Ghislaine. Was immer er damit hätte anstellen können, alles hätte besser ausgesehen als das … etwa zehn Zentimeter lang und gekräuselt, damit es nach Neg aussah.
Während ihm das alles durch den Kopf ging, fiel Lantier
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