Bis ich dich finde
gebracht, weil sie ausgerechnet einen Roman geschrieben hatte.
Indem sie in dem Haus am Entrada Drive blieb und es sogar kaufte, drehte sie
der Filmindustrie eine Nase. Emma war als Außenseiterin nach Los Angeles
gekommen und legte großen Wert darauf, eine Außenseiterin zu bleiben.
»Ich ziehe nicht nach Beverly Hills,
Zuckerbär.«
»Na… aber du ißt ganz schön oft dort«, erinnerte Jack sie.
Meist aßen sie spätabends. Jack trank keinen Alkohol, deswegen war
er der Fahrer. Emma dagegen leerte oft allein eine ganze Flasche Rotwein – und
das gewöhnlich, bevor sie mit dem Essen fertig war. Besonders gut gefiel es ihr
bei Kate Mantilini in Beverly Hills.
»Kate Mantilini ist ziemlich weit weg für ein Steak-Sandwich mit
Kartoffelpüree«, beklagte sich Jack. Er aß kein Brot, von Kartoffelpüree ganz
zu schweigen. Doch Emma liebte es, an der Bar zu essen, die sich an der
Längsseite des Restaurants entlangzog. Jedermann in der Branche kannte sie und
erkundigte sich, wie sie mit ihrem neuen Roman vorankomme.
»Ich komme voran«, sagte Emma dann. »Kennen Sie schon meinen
Wohngenossen, Jack Burns? Er war die Frau in Das letzte Mal – ich meine, die scharf aussehende Frau.«
»Ich war die Anhalterin«, erklärte Jack. Trotz Myra Ascheims
Empfehlung, sich regelmäßiger zu rasieren, hatte er meist einen Bartschatten –
etwas, das den androgynen ersten Eindruck milderte.
Montags abends gingen Jack und Emma zu Don Tana’s in West
Hollywood. Im Fernseher über der Bar konnte man sich [537] Monday
Night Football ansehen, aber die Ober trugen Smokings. Das Publikum
bestand größtenteils aus Hollywood-Menschen, die hip waren oder jedenfalls
versuchten, es zu sein, und unter die sich seltsamerweise diverse Gangster und
Nutten mischten. Es gab mit rotem Vinyl ausgeschlagene Nischen und rot-weiß
karierte Tischdecken, die Speisen und Getränke auf der Karte waren nach
Berühmtheiten des Filmgeschäfts benannt.
»Eines Tages werden sie eine Lammlende nach dir benennen, Süßer«,
sagte Emma zu Jack. Sie bestellte gewöhnlich die Kalbskoteletts Lew Wasserman.
Nach Wassermans Tod kam es Jack immer ein wenig seltsam vor, dort zu essen –
als wären die nach ihm benannten Koteletts ein Stück von Wasserman selbst. Hin
und wieder ließ Emma sich auch ein Steak à la Diller schmecken. Jack dagegen aß
leichtere Kost, oft nur einen Salat. Er trank wieder literweise Eistee, wie
damals, als er sein Kampfgewicht hatte halten müssen. Mit zwei Liter Tee auf
nüchternen Magen konnte er die ganze Nacht durchtanzen.
Auch Emma ging spätnachts gern in Discos. Sie war ganz verrückt nach
einem Laden am Sunset Boulevard in West Hollywood, der Coconut Teaszer hieß. Er
war ein bißchen schäbig – viel Rock ’n’ Roll und schnelles, verschwitztes
Tanzen –, und das Publikum war sehr jung. Gelegentlich schleppte Emma einen
Jungen ab. Jack gab sich große Mühe, das Geschmuse der beiden auf dem Rücksitz
zu ignorieren. »Hör zu«, sagte sie jedesmal, »du mußt genau tun,
was ich dir sage.« Jack versuchte, nicht hinzuhören.
Er versuchte auch, sich nicht vorzustellen, wie Emma auf dem Jungen
saß. Er wollte nicht an ihren Vaginismus denken, aber die Nacht, in der er sie
zusammengekrümmt und weinend im Badezimmer fand, vergaß er nie. »Er hat gesagt,
er würde sich nicht bewegen«, schluchzte sie. »Er hat’s mir versprochen, der kleine Wichser!«
Nur wenn Emma einen Jungen aus dem Coconut Teaszer [538] abgeschleppt
hatte, stand sie am anderen Morgen nicht früh auf, um an ihrem nächsten
Hollywood-Roman zu arbeiten. (Sie nannte ihn »Nummer zwei«, als wäre das der geplante Titel.) Emma war diszipliniert, ja geradezu getrieben
– aber der Druck hatte nachgelassen. Ihr erster Roman war erschienen, und sie
war zuversichtlich, daß irgend jemand auch ihren zweiten veröffentlichen würde.
Auch von Jack war der Druck genommen, wenn auch nicht so sehr. Daß
er seinen ersten Film unter der Regie von William Vanvleck gedreht hatte – und
sich, was noch schlimmer war, vertraglich verpflichtet hatte, einen zweiten mit
ihm zu drehen –, beeindruckte bei der C.A.A. niemanden. (Ebensowenig wie bei der I.C.M. oder
der William Morris Agency.) Wenn Jack gegenüber Wild Bill keine Verpflichtungen
mehr hatte, dann würde sich eine dieser Agenturen vielleicht bereit erklären,
ihn zu vertreten. Im Augenblick jedoch kümmerte sich Myra Ascheim um ihn – sie
hatte ihn angewiesen, sie als seine Managerin zu bezeichnen.
Als
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