Bis ich dich finde
Teil des
Nachmittags damit, Gewichte zu stemmen. Danach, wenn sie, wie sie sagte,
»verdaut« hatte, machte sie noch hundert oder mehr Sit-ups zur Stärkung der
Bauchmuskulatur. Nichts Aerobisches. (Emmas Aerobicübungen waren Tanzen und der
Sex, den sie mit Jungen hatte, die sie oben sitzen ließen.)
Das war ein anspruchsvolles Programm für eine korpulente Frau, und
Jack hatte kein gutes Gefühl, wenn er daran dachte, daß sie mit dem Wagen
unterwegs war – auch nicht tagsüber, wenn sie nicht getrunken hatte. Emma fuhr
gern schnell, aber ihr Tempo war das wenigste, was Jack Sorgen bereitete.
Emma liebte den Sunset Boulevard. Schon in St. Hilda hatte sie davon
geträumt, über den Sunset Boulevard zu fahren. Emma wollte möglichst auf keiner
anderen Straße fahren – sei es nach Beverly Hills, sei es nach West Hollywood
oder Hollywood: immer nur auf dem Sunset Boulevard.
Wenn sie zurück nach Santa Monica fuhr, machte Jack sich am meisten
Sorgen um sie. Er wußte, daß sie ein großes Mittagessen eingenommen und es
danach, im Fitness-Studio, abgearbeitet hatte (oder auch nicht). Er machte sich
Sorgen wegen der Kurven, die der Sunset Boulevard beschrieb. Und wenn Emma am
Chautauqua Boulevard, kurz vor den Palisades, nach links abbiegen mußte, ging
es auf einer steilen, kurvenreichen Straße hinunter zum PCH .
Man mußte sich ganz links einordnen und scharf auf die West Channel Road
abbiegen.
Es war später Nachmittag, Hauptverkehrszeit, und Emma [544] war von
ihrem Training im Studio ganz erledigt – sie hatte zwei bis drei Literflaschen
Evian getrunken. Der Verkehr wälzte sich den Chautauqua Boulevard hinunter, und
im letzten Viertel der letzten langen Kurve konnte Emma das Meer sehen. Jack
kannte Emma, und er wußte, wie sie fuhr. Sie achtete nicht auf die anderen
Wagen – nicht wenn sie dieses erste, bläulich gleißende Funkeln des Pazifiks
sehen konnte. Sie war eben ein Mädel aus Toronto. Die Art, wie Los Angeles
einen berührte, hatte immer etwas damit zu tun, woher man dorthin gekommen war.
In Toronto gab es keine Ausblicke auf den Pazifik.
Im Haus am Entrade Drive wartete Jack auf Emma. Wenn sie wieder zu
Hause war, arbeitete sie, und Jack fuhr ins Fitness-Studio. (Er sagte ihr nie,
daß er manchmal ins Gold’s ging.)
Es war eine gute Tageszeit zum Trainieren; man sah dann
hauptsächlich die Nichttrinker und ein paar Nichtesser. Jack lernte einige
ziemlich muskulöse Frauen kennen, die Hanteln stemmten, während an den
Herz-Kreislauf-Geräten in erster Linie die ultradünnen Frauen zu finden waren –
zur Abendessenszeit waren viele davon Magersüchtige. Eine von ihnen, die jeden
Abend eine Stunde auf dem Stepper verbrachte, sagte Jack, sie sei auf einer
Trinkdiät.
»Und woher nehmen Sie die Energie?« fragte Jack sie.
»Beeren, ein Teelöffel Honig, fettfreier Joghurt, jeden dritten Tag
eine Banane. Man gibt alles in einen Mixer und trinkt es. Mehr braucht der
Körper nicht.«
Eines Abends fiel sie vom Stepper und blieb einfach liegen. Einer
der Yogalehrer äußerte die Vermutung, ihr Dickdarm sei kollabiert. Ein paar
Bodybuilder standen vor dem Eingang des Studios – als sie den Rettungswagen
kommen sahen, winkten sie ihm mit ihren Handtüchern.
Jack hielt seine übliche Diät und nahm hauptsächlich Proteine und
relativ wenig Kohlenhydrate zu sich, denn er verbrachte viel Zeit an den
Ausdauergeräten. Bei den freien Gewichten hielt er [545] sich zurück: leichte
Hanteln, dafür aber viele Wiederholungen. Sein Job bestand nach wie vor darin,
einen Job zu kriegen – die nächste Rolle und dann die nächste –, und dafür
mußte er weiterhin schlank und gefährlich aussehen.
Wenn Jack abends das Studio verließ, fühlte er sich vor Hunger ganz
schwummrig. Er holte Emma ab, und dann fuhren sie irgendwohin, um etwas zu
essen. Jeden Morgen hatte er ein Loch im Bauch. Man konnte sagen, daß auch Jack
Burns’ Kerze an beiden Enden brannte, allerdings nicht wie bei Emma.
Eines Abends, als sie gerade bei Kate Mantilini ihr Kartoffelpüree
hinunterschlang, bemerkte Emma, daß Jack seinen Salat nicht aufaß. Er hatte
aufgehört zu essen und sah ihr zu. Sein Gesicht verriet eher Sorge als
Mißfallen, dabei hätte er wissen sollen, daß Emma mit seinem Mißfallen weniger
Probleme gehabt hätte als mit seiner Sorge.
»Denkst du gerade, daß ich früh sterben werde?« fragte sie ihn.
»Nein!« antwortete er ein bißchen zu schnell.
»Werde ich aber«, sagte sie. »Wenn mein Appetit mich
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