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Bis ich dich finde

Bis ich dich finde

Titel: Bis ich dich finde Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Irving
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Jack seinen Job beim American Pacific kündigte, nahm man ihm das
nicht übel. Er hatte nur mit zwei anderen Kellnerinnen geschlafen, und eine
davon hatte gekündigt, bevor er dort aufhörte. Unter der Regie des Remake
Monsters zu spielen, war immer noch besser als ein Job als Kellner.
    Emma bat Jack, ihre Fanpost zu sichten. Sie wollte nichts Negatives
lesen; Jack hatte Anweisung, kritische Briefe wegzuwerfen. »Und auch die
Morddrohungen brauchst du mir gar nicht erst zu zeigen – schick sie einfach
gleich ans FBI .« Dabei gab es gar keine
Morddrohungen, die meisten Briefe waren positiv. Die schlimmsten stammten, wie
Jack fand, von Lesern, die Emma ihre eigene Lebensgeschichte erzählen wollten.
Es war verblüffend, wie viele gestörte Menschen wollten, daß sie ein Buch über sie schrieb.
    Umgekehrt sichtete Emma Jacks Fanpost, doch im Gegensatz [539]  zu ihr
las er anschließend alle Briefe, die lobenden wie die kritischen. Er bekam
nicht einmal ein Zwanzigstel der Briefe, die Emma erhielt, und die meisten
waren unterschwellig oder auch nicht so unterschwellig anzüglich. Es kamen
welche (immer mit Fotos) von Transsexuellen – »Frauen mit Schwänzen«, sagte
Emma – und von Schwulen, die wissen wollten, ob Jack ebenfalls schwul war. Und
hin und wieder schrieben ihm junge Frauen, die gewöhnlich, aber keineswegs
immer, die Hoffnung äußerten, er sei heterosexuell.
    Jack interessierte sich mehr für Emmas Post als für seine eigene,
denn er dachte, daß Michele Maher ihr schreiben und eine Erklärung fordern
würde, warum Emma ihren Namen verwendet hatte. Doch es kam kein Brief von
Michele Maher.
    Es brachte Jack schier um, daß er nichts von Michele wußte.
Schlimmer noch war, daß er sich vorstellte, sie habe Das
letzte Mal gesehen und in seiner Darstellung eines Transvestiten die
klare Bestätigung gefunden, daß er »zu verdreht« war.
    »›Zu verdreht‹? Warte nur, bis sie den nächsten Film gesehen hat,
Zuckerbär!« Sie hatten Vanvlecks Drehbuch gelesen, das sogar Emma ein »Mir
fehlen die Worte!« entlockt hatte.
    Diesmal hatte Wild Bill einen zauberhaften, aber unbekannten Film
geplündert. Er hatte dieses Kleinod seinem Landsmann Pieter van Engen
gestohlen, der kurz nach der Fertigstellung seines ersten abendfüllenden Films
an Aids gestorben war. Der Film hieß Liebe Anne Frank und
hatte bei irgendeinem niederländischen Filmfestival einen Preis gewonnen. Ein
deutscher Verleih hatte sich als einziger dafür interessiert; außerhalb von
Holland war der Film praktisch unbekannt. Vanvleck jedoch hatte ihn gesehen und
derart umgeschrieben, daß nicht einmal der arme Pieter van Engen ihn
wiedererkannt hätte, auch nicht als Toter, und dabei sehen die Toten doch
alles.
    »Liebe Anne Frank« sagt eine Stimme auf holländisch aus dem Off, als
der Film beginnt. Es ist die Stimme eines jungen [540]  jüdischen Mädchens, das in
Amsterdam lebt. Es ist etwa so alt wie Anne Frank war, als sie von den Nazis
entdeckt und ins Konzentrationslager geschickt wurde.
    Emma und Jack sahen den niederländischen Film in William Vanvlecks
Privatkino. Er besaß eine häßliche Villa am Loma Vista Drive in Beverly Hills
und hatte eine Vorliebe für Whippets. Sie liefen frei im Haus herum und
rutschten ständig auf den Hartholzböden aus. Vanvleck hatte eine Köchin und
einen Gärtner, ein surinamisches Paar. Die Frau war nicht größer als ein Kind,
und ihr Mann war ebensoklein.
    Wild Bill übersetzte für Emma und Jack. Er hatte einen
Raucherhusten. »›Ich glaube, daß du in mir lebst und daß ich geboren bin, dir
zu dienen.‹«
    Das Mädchen heißt Rachel. An Wochentagen nach der Schule und an den
Wochenenden arbeitet sie als Führerin im Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht
263. Das Haus ist heute ein Museum und jeden Tag geöffnet, mit Ausnahme von Jom
Kippur.
    »Das Anne-Frank-Haus ist auf eine traurige Art schön«, sagt Rachel
in die Kamera, als wären wir (die Zuschauer) Touristen und sie unsere Führerin.
Wir sehen Annes Handschrift, Faksimiles ihres Tagebuches und viele Fotos. Rachel
hat sich das Haar so schneiden lassen, daß sie Anne so ähnlich wie möglich
sieht; sie lehnt modische Kleidung ab und zieht möglichst Kleider an, wie Anne
sie hätte tragen können.
    Wir sehen Rachel auf Flohmärkten und in Secondhandläden einkaufen.
Abends zieht sie sich von ihren Eltern in ihr Zimmer zurück und imitiert dabei
Posen und Gesichtsausdrücke, die wir von Anne Franks Fotos kennen.
    »Sie hätten ihnen

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