Blicke windwärts
Arbeiten für die Allgemeinheit, bei denen es nicht als Störung angesehen wurde. Quilan redete in den schnurgerade angelegten Feldern, wo sie ihre Nahrung anbauten, und während der Märsche den Berg hinunter, um Holz zu sammeln, stets weniger als die anderen. Die anderen fanden anscheinend nichts dabei. Die körperliche Arbeit machte ihn wieder stark und fit. Sie ermüdete ihn auch, doch nicht so sehr, dass er nicht jede Nacht jäh aus seinen Träumen von Dunkelheit und Blitz, Schmerz und Tod aufgeschreckt wäre.
Der größte Teil der geistigen Arbeit fand in der Bibliothek statt. Die Lesebildschirme unterlagen einer intelligenten Zensur, sodass die Mönche ihre Zeit nicht mit schaler Unterhaltung oder trivialem Zeug vertrödeln konnten; sie boten religiöses Schriftmaterial und Nachschlagewerke sowie wissenschaftliche Raritäten, aber sonst kaum etwas. Doch allein das war Stoff genug für ein ganzes Leben. Die Maschinen konnten auch als Verbindung zu den Chelgri-Puen dienen, den Dahingegangenen, den Erhabenen. Es konnte jedoch eine geraume Zeit dauern, bis es einem Neuling wie Quilan gestattet sein würde, sie für diesen Zweck zu verwenden.
Sein Mentor und Ratgeber war Fronipel, der älteste Mönch, der nach dem Krieg noch am Leben war. Er hatte sich vor den Unsichtbaren in dem alten Getreidespeicher tief unten in einem Keller versteckt und war noch zwei Tage lang dort geblieben, nachdem die Truppen der Loyalisten das Kloster wieder eingenommen hatten, da er nicht gewusst hatte, dass er nun in Sicherheit war. Er war zu schwach gewesen, um aus dem Silo zu klettern, und wäre beinah an Austrocknung gestorben; er wurde erst entdeckt, als die Truppen eine gründliche Durchsuchung durchführten, um irgendwelche zurückgebliebenen Unsichtbaren aufzugreifen.
An den Stellen, wo sich das Fell des Alten über seinen Gewändern zeigte, war es struppig und von dunklen, rauen Flecken durchsetzt. Andere Stellen waren beinahe nackt und zeigten die runzelige, trockene graue Haut darunter. Er bewegte sich steif, besonders bei feuchter Witterung, die in Cadracet häufig herrschte. Seine Augen, tief eingesunken hinter antiquierten Augengläsern, sahen trüb aus, als ob ein grauer Rauch die Augäpfel verschleierte. Der alte Mönch trug seine Hinfälligkeit ohne Anflug von Stolz oder Abscheu, doch in diesem Zeitalter der nachwachsenden Körper und ersetzbaren Organe musste ein solcher Verfall freiwillig, ja beabsichtigt sein.
Für gewöhnlich unterhielten sie sich in einer abgelegenen kleinen, kahlen Zelle, die eigens für diesen Zweck bestimmt war. Sie enthielt als einziges Möbelstück ein S-förmiges Doppelsofa und hatte nur ein einziges kleines Fenster.
Es war das Vorrecht des alten Mönchs, diejenigen, die jünger waren als er, mit dem Vornamen anzusprechen, deshalb nannte er Quilan ›Tibilo‹, was diesen gefühlsmäßig in seine Kindheit zurückversetzte. Er vermutete, dass diese Wirkung beabsichtigt war. Von ihm seinerseits wurde erwartet, dass er Fronipel mit ›Kustos‹ ansprach.
»Ich bin manchmal – neidisch, Kustos. Hört sich das verrückt an? Oder böse?«
»Neidisch auf was, Tibilo?«
»Auf ihren Tod. Auf die Tatsache, dass sie gestorben ist.« Quilan blickte zum Fenster hinaus, unfähig, dem alten Mann in die Augen zu sehen. Die Aussicht durch das kleine Fenster war nicht viel anders als die aus seiner Zelle. »Wenn ich mir irgendetwas wünschen dürfte, dann würde ich mir wünschen, dass sie wieder bei mir ist. Ich glaube, ich habe mich damit abgefunden, dass das unmöglich ist, oder zumindest äußerst unwahrscheinlich… aber, verstehen Sie? Heutzutage ist fast nichts mehr sicher. Das ist noch so eine Sache; alles ist heute zufallsbedingt, alles ist vorübergehend, dank unserer Technik, unseres Wissens.«
Er sah dem alten Mönch in die trüben Augen. »Früher starben die Menschen, und das war’s. Man konnte hoffen, sie im Himmel wieder zu sehen, aber wenn sie einmal tot waren, dann waren sie tot. So einfach war das, so endgültig. Jetzt…« Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »Jetzt sterben die Leute, aber ihr Seelenhort verhilft ihnen zu einem neuen Leben oder bringt sie in einen Himmel, von dem wir wissen, dass er existiert, ohne die Notwendigkeit des Glaubens. Wir haben Klone, wir haben nachgewachsene Körper – das meiste von mir ist nachgewachsen. Manchmal wache ich auf und denke: Bin das noch ich? Ich weiß, man nimmt an, dass einem das Gehirn, der Geist, die Gedanken bleiben, aber ich
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