Blicke windwärts
glaube es nicht. So einfach ist das nicht.« Er schüttelte den Kopf, dann trocknete er sich das Gesicht am Ärmel seiner Kutte.
»Dann bist du also neidisch auf eine frühere Zeit.«
Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Auch das. Aber ich bin vor allem eifersüchtig auf sie. Wenn ich sie nicht zurückbekommen kann, dann bleibt mir nur noch der Wunsch, ich hätte nicht überlebt. Nicht der Wunsch, mich umzubringen, sondern gestorben zu sein, weil ich keine andere Wahl hatte. Wenn sie nicht das Leben mit mir teilen kann, dann möchte ich mit ihr den Tod teilen. Aber das geht nicht, und deshalb empfinde ich Neid. Eifersucht.«
»Das ist nicht genau dasselbe, Tibilo.«
»Ich weiß. Manchmal ist das, was ich fühle… Ich bin mir nicht sicher… eine unterschwellige Sehnsucht nach etwas, das ich nicht habe. Manchmal ist es das, was meiner Ansicht nach die Leute meinen, wenn sie das Wort Neid gebrauchen, und manchmal ist es echte, tobende Eifersucht.« Er schüttelte den Kopf; er konnte kaum glauben, was er sich selbst sagen hörte. Es war, als ob die Worte, die er aussprach, seinen Gedanken eine endgültige Form gäben, Gedanken, von denen er nicht zugegeben hatte, dass er sie in sich barg, nicht einmal sich selbst gegenüber. Er sah durch seine Tränen hindurch den alten Mönch an. »Ich habe sie geliebt, Kustos. Wirklich.«
Der Alte nickte. »Ich bin sicher, dass du sie geliebt hast, Tibilo. Wenn es nicht so wäre, dann würdest du nicht noch immer so sehr leiden.«
Er wandte den Blick wieder ab. »Ich weiß nicht einmal mehr das. Ich sage, ich habe sie geliebt, ich glaube, ich habe sie geliebt, ich dachte bestimmt, dass ich sie liebe, aber habe ich sie wirklich geliebt? Vielleicht empfinde ich in Wahrheit Schuld, weil ich sie nicht geliebt habe. Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr.«
Der Alte kratzte sich an einer seiner kahlen Stellen. »Du weißt, dass du lebst, Tibilo, und dass sie tot ist, und dass du sie vielleicht irgendwann einmal wieder siehst.«
Er sah den Mönch an. »Ohne ihren Seelenhort? Daran glaube ich nicht, Herr. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich glaube, dass ich sie jemals wiedersehen werde, selbst wenn sie geborgen wurde.«
»Wie du selbst geäußert hast, leben wir in einer Zeit, in der die Toten zurückkehren können, Tibilo.«
Man wusste inzwischen, dass in der Entwicklung jeder Zivilisation – vorausgesetzt, sie dauerte lang genug – eine Zeit kam, da ihre Angehörigen ihr Geistespotential speichern konnten; man konnte die Charakteristika einer Person abrufen und sie dann speichern, vervielfältigen, lesen, übertragen und – letztendlich in einen passenden Komplex, ein befähigtes Gerät oder einen entsprechenden Organismus übertragen.
In gewissem Sinn war das die Umsetzung der radikalsten reduktivistischen These, nämlich der Anerkenntnis, dass Geist aus Materie entstand und fundamental und absolut in materiellen Begriffen definiert werden konnte, und das passte so manchen nicht. Einige Gesellschaften hatten den Horizont solchen Wissens erreicht und waren an der Grenze der damit gegebenen Steuerungsmöglichkeit angekommen; sie wandten sich ab, um dem Verlust der Vorzüge des Glaubens, die eine solche Entwicklung androhte, zu entgehen.
Andere Leute hatten den Austausch hingenommen und litten darunter, verloren sich auf eine Weise darin, die vernünftig, zur gegebenen Zeit sogar ehrenwert erschien; letztendlich führte dies jedoch zu ihrer endgültigen Auslöschung.
Die meisten Gesellschaften bekannten sich zu der damit zusammenhängenden Technik und veränderten sich, um den Folgen gerecht zu werden. In der Kultur zum Beispiel bestanden die Folgen darin, dass die Leute ihre Persönlichkeit speichern lassen konnten, wenn sie im Begriff waren, etwas Gefährliches zu tun, sie konnten Gehirnbestandsaufnahmen von sich anfertigen lassen, die dazu benutzt werden konnten, Botschaften zu übermitteln oder an unterschiedlichen Orten eine Vielfalt von Erfahrungen zu machen, in unterschiedlicher physischer oder virtueller Form, sie konnten ihre ursprüngliche Persönlichkeit zur Gänze in einen anderen Körper oder ein Gerät übertragen, und sie konnten sich mit anderen Individuen mischen – im Gleichgewicht zwischen dem Erhalt der Individualität und einer unwillkürlichen Ganzheit – in Vorrichtungen, die eigens für eine derartige metaphysische Intimität konstruiert waren.
Bei den Chelgrianern war der Kurs der Geschichte von der Norm abgewichen.
Weitere Kostenlose Bücher