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Clovis Dardentor

Clovis Dardentor

Titel: Clovis Dardentor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jules Verne
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Sebdou. Wälder gab es zwar weniger, dafür mehr an-
    gebaute Felder, besiedelte Gebiete und ein vielverzweigtes
    Netz von Zuflüssen des Chouly und des Isser. Letzterer, ei-
    ner der großen Flüsse Algeriens, ist eine lebenspendende
    Wasserader, die sich 200 Kilometer weit bis zum Meer fort-
    setzt und dabei einem Tal folgt, worin, dank den Abflüssen
    von den Hochebenen und dem Teil, Baumwolle sehr gut ge-
    deiht.
    — 317 —
    Doch wie verändert war die Stimmung der Touristen,
    unter denen bei der Abreise mit der Bahn von Oran und
    dem Anfang des Karawanenzugs von Saïda aus die schönste
    Harmonie herrschte! Jetzt waren die gegenseitigen Be-
    ziehungen erkaltet. Die Désirandelles und Frau Elissane
    sprachen in ihrem Gefährt nur untereinander, und Louise
    mußte so mancherlei hören, was ihr nicht gefiel. Marcel
    Lornans und Jean Taconnat, die sich ihren trüben Gedan-
    ken hingaben, trotteten hinter dem Perpignaneser her und
    gaben ihm kaum Antwort, wenn er sich etwas zurückhielt,
    um sie anzusprechen.
    Unglücklicher Dardentor! Alle schienen ihm jetzt zu
    zürnen: Die Désirandelles, weil er nicht mithalf, Louise
    dazu zu bringen, daß sie Agathokles Hand annahm, und
    Frau Elissane ebenso, daß er dieser langgeplanten ehelichen
    Verbindung nicht den erhofften Vorschub leistete, Marcel
    Lornans, weil er zugunsten dessen, den er gerettet hatte,
    hätte eintreten sollen, und Jean Taconnat, weil er ihn geret-
    tet hatte, statt ihm Gelegenheit zu geben, sich selbst retten
    zu lassen. Kurz, Clovis Dardentor war nur noch der Sün-
    denbock auf einem Kamel. Ihm blieb nur noch der getreue
    Patrice.
    »Ja«, schien dieser sagen zu wollen, »so liegen nun die
    Dinge, und Ihr Diener hatte sich nicht getäuscht!«
    Er sprach diesen Gedanken aber nicht aus, aus Furcht,
    eine richtige Dardentorsche Antwort zu bekommen, vor
    der es ihm schon durch und durch fröstelte.
    — 318 —
    Nun, Clovis Dardentor wollte sich deshalb nicht ins
    Bockshorn jagen lassen.
    »Überleg dir einmal, Clovis«, sagte er für sich, »bist du
    denn den Papageien da irgendwie verpflichtet? Brauchst du
    dir den Kopf zu zerbrechen, wenn nicht alles nach deren
    Wunsch geht? . . . Ist es dein Fehler, wenn Agathokles nur
    ein Zeisig ist, wenn sein Vater und seine Mutter ihn für ei-
    nen Phönix halten und wenn Louise den Vogel schließlich
    nach seinem wahren Wert schätzt? . . . Hier heißt es doch:
    klarsehen! Daß Marcel das junge Mädchen liebt, vermut’
    ich nun wohl. Ich kann ihnen doch nicht zurufen: ›Kommt
    her, Kinder, damit ich euch segne!‹ Und dann der sonst so
    lustige Jean, dessen gute Laune und übersprudelnde Fan-
    tasie im Sar ertrunken zu sein scheint. Es sieht fast aus, als
    wäre er böse auf mich, weil ich ihn gerettet habe. Wahr-
    haftig, sie blasen alle zusammen in dasselbe Horn! Na, ich
    werde schon mit der Gesellschaft fertig werden!«
    Eben war Patrice vom Wagen abgestiegen, um seinem
    Herrn etwas zu sagen.
    »Ich fürchte, Herr Dardentor, daß bald Regen kommt,
    und vielleicht wär’ es besser . . .«
    »Ach was, besser schlechtes Wetter als gar keins!«
    »Als gar keins?« erwiderte Patrice, dem dieses fantasti-
    sche Axiom nicht in den Sinn wollte. Wenn nun der Herr
    . . .«»Still!«
    Schneller, als er heruntergekommen war, kletterte Pat-
    rice wieder auf den Wagen.
    — 319 —
    Unter einem warmen, aus gewitterhaften Wolken her-
    abströmenden Regen wurden die 12 Kilometer von Tlem-
    cen bis zum Aïn Fezza zurückgelegt. Nach dem Aufhören
    des Niederschlags frühstückte man an der vorher bestimm-
    ten Stelle in einer bewaldeten Schlucht, die von zahlreichen
    nahen Wasserfällen kühl gehalten wurde – ein Frühstück
    ohne Vertraulichkeit, bei dem sich jeder einen gewissen
    Zwang auferlegte. Man hätte von den Gästen einer Table
    d’hôte sprechen können, die sich niemals gesehen hatten,
    ehe sie sich vor ihren Teller setzten, und sich niemals wie-
    dersehen würden, wenn sie ihn geleert hatten. Unter den
    Blitze schleudernden Augen der Désirandelles vermied es
    Marcel Lornans, Louise Elissane anzusehen. Jean Taconnat,
    der auf Zwischenfälle unterwegs nicht mehr rechnete – auf
    der Staatsstraße mit ihren tadellosen Böschungen, ihren Ki-
    lometersteinen und mit ihren regelmäßigen Haufen vorräti-
    gen Schüttmaterials –, schimpfte heimlich auf die unglück-
    selige Verwaltung, die dieses Land zivilisiert hatte.
    Wiederholt versuchte Clovis Dardentor zwar, den Bann
    zu brechen, die alten Bande wieder

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