Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
Vorfall hatte er sich immer wieder zu trösten versucht, dass es eben »überall schwarze Schafe«
gibt. »Dann habe ich aber meine Augen und Ohren überhaupt mal weiter aufgemacht als früher. Ja, da gibt es Alkoholiker und
vertrottelte Idioten in Hülle und Fülle.« Wo er früher vieles in der »Firma« eher idealisiert hatte, war seine neu entstandene
negativistische Haltung jetzt kaum mehr zu bremsen. Er sah überall nur noch »Wichtigtuerei, Massenverdummung« usw. Es bedurfte
einiger Anstrengung, ihm zu einer realistischeren Wahrnehmung zu verhelfen.
Ganz ähnliche Phänomene lassen sich beobachten, wenn Pfarrer in Glaubens- und dazu noch in Loyalitätskrisen gegenüber ihrer
Kirche geraten. Diese können sich zu besonders katastrophalen Burnout-Zuständen auswachsen, wenn auch die Privatwelt beeinträchtigt
ist. Das finden wir nicht selten bei homosexuellen Theologinnen und Theologen, denen seitens der meisten Landeskirchen nicht
erlaubt ist, mit ihrem/r Partner/in im Pfarrhaus zusammenzuleben. Coaching stellt in solchen Fällen eine besonders wichtige
Form der Unterstützung dar. Im Vordergrund steht hier das Sortieren des eigenen Sinnsystems, ein Austarieren der vielfältigen
beruflichen Anforderungen und die Entwicklung angemessener Formen von Selbstregulation in einer von außen auferlegten privaten
Einsamkeit.
Wie
Fengler
(1992) anmerkt, sind ohnedies alle Personen aus Helferberufen, die keine angemessene Regulation in ihrer Privatwelt erfahren,
hochgradig burnout-anfällig. Und diese Regulation ist regelmäßig beeinträchtigt, wenn Privat- und Berufswelt nicht eindeutig
voneinander zu trennen sind. Das trifft nicht nur für Gemeindepfarrer zu, sondern oft auch für Leiter von Kinder- oder Altenheimen,
aber auch für viele Geschäftsleute. Menschen in solchen Situationen sind einer laufenden Zerreißprobe ausgesetzt, ob sie dem
Familienleben oder beruflichen Ansprüchen den Vorrang geben sollen. Sie fühlen sich oft als »Gefangene« in einer permanent
fordernden Lebenswelt. Angesichts von Job-Stress finden sie kein Reservat mehr zum »Ausbruch«, d. h. das lebensweltliche |90| Arrangement gestattet keinerlei Distanz zur Arbeit. In solchen Fällen kann ein Coaching zum einzigen legitimen Ort der Entlastung
und Neubesinnung werden.
Mobbing
Eine erst in den letzten Jahren häufiger diskutierte Form schleichender Krisen stellt das »Mobbing« dar (
Leymann
1993;
Walter
1993). Hierbei handelt es sich um interaktive Eskalationen am Arbeitsplatz. Die Grundstruktur ist folgende: Ein Mensch gerät
aus irgendeinem oft geringfügigen Anlass für Vorgesetzte oder Kollegen zum Stein des Anstoßes. Der Ärger wird aber nicht offen
mitgeteilt, sondern er mündet in eine Vielzahl von zunächst nur banalen Schikanen. In kleinen Pausen oder in der Kantine sondern
sich die Mobbenden vom Gemobbten ab, tuscheln hinter seinem Rücken, verlegen ihm »unabsichtlich« Arbeitsmaterialien usw. Das
Opfer ist zunächst irritiert und bittet um Erklärungen, seine Nachfragen werden aber nur mit Kopfschütteln oder sogar mit
dem Hinweis quittiert, dass es bei ihm »im Kopf nicht ganz stimme«.
Zermürbt durch die kollektiven Aussonderungsprozesse, die im Laufe der Zeit immer feindseligere Formen annehmen, stellt sich
beim Betreffenden ein schleichender Verlust seines Selbstwertgefühls ein. Er oder sie gerät immer deutlicher in die Defensive
und beginnt nun tatsächlich, »merkwürdig« zu reagieren. Dadurch erhalten die Mobbenden subjektiv eine Rechtfertigung für ihr
feindseliges Handeln. Die berufliche Lebenswelt konstelliert sich für den Gemobbten immer paranoider, sodass sich bei ihm
in aller Regel allerlei psychische und/oder somatische Beschwerden einstellen.
Nicht selten zentrieren sich Mobbing-Prozesse um alleinerziehende Mütter. In der Verwaltungsabteilung einer Industrie- und
Handelskammer war es Usus, alle anfallenden Arbeiten immer sofort am gleichen Tag zu erledigen. Die Abteilungsleiterin bestimmte
resolut die Normen des gesamten Systems. Einige der vorgesetzten »Herren«, für die eine Vielzahl von Briefen, Vorlagen usw.
abzufassen war, konnten sich nur mühsam organisieren, sodass alle ihre Dinge von den Frauen möglichst »schon gestern« fertig
gestellt sein sollten. Die kinderlose Büroleiterin bezog aus der perfekten Erledigung der Aufträge gerade solcher chaotischen
Vorgesetzten ein hohes Maß an persönlicher Befriedigung. Nun hatte
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