Das Bernsteinzimmer
Infanterie-Division. Die SS-Polizei-Division und die 1. Panzer-Division, die Puschkin als erste erreicht hatten, waren weitergezogen und verfolgten die sowjetischen Truppen. Das Gedröhne der Geschütze lag wie ein ferner Donner über dem Land, unter dem Himmel brummten die deutschen Bombergeschwader nach Leningrad.
Michael Wachter hatte aufgeatmet, als die SS-Division an dem Schloß vorbei zum Nordteil der Stadt Puschkin zog, wo sich die letzten Rotarmisten wehrten, ein armseliger Riegel, der nur den Zweck verfolgte, Zeit zu gewinnen, die Stunden hinzudehnen, denn jede Stunde bedeutete ein Stück Graben, eine Bunkerwand, eine Geschützstellung mehr im Verteidigungsring um Leningrad.
Am 16. September 1941 war das Bernsteinzimmer in deutscher Hand, aber es stand noch unversehrt hinter den schützenden Holztafeln und Pappstreifen. Der Krieg war darüber hinweggerollt … und es lebte noch.
Ein glücklicher Mensch war Michael Wachter in diesen Stunden.
Am 17. September war auch der Nordteil von Puschkin von den sowjetischen Truppen geräumt worden. Die SS-Polizei-Division marschierte in die Stadt, der nachrückende Stab erschien vor dem Katharinen-Palast, um hier ebenfalls sein Hauptquartier einzurichten. Mit Schrecken starrte Wachter auf die Uniformen mit dem Totenkopf. Zum erstenmal sah er SS-Offiziere und SS-Soldaten jener deutschen Division, die zur Elite gerechnet wurde und von der vor dem Krieg und erst recht jetzt im Krieg so viel geschrieben worden war. Gefürchtet waren die Männer mit dem Totenkopf, sie waren von allen deutschen Truppen am besten ausgerüstet, eine geballte Faust, deren Schlag Vernichtung hieß.
Ein SS-Gruppenführer – dem Rang eines Generals entsprechend – stieg die Stufen der großen Treppe hinauf, während der Stab vor dem Portal vorfuhr und wie zu einer Parade eine peinlich ausgerichtete Reihe von Fahrzeugen bildete. Noch hatte der SS-General nicht einmal die Hälfte der Treppe erstiegen, da erschien im Eingang des Palais der Kommandeur des XXVIII. Armeekorps und hob, kurz grüßend, die Hand an sein Mützenschild. Der SS-Gruppenführer erwiderte mit ausgestrecktem Arm, mit dem Hitlergruß.
»Ich nehme an, Herr Kamerad«, sagte der Kommandeur etwas steif –, »Sie haben die Absicht, hier Ihren Stab einzuquartieren.«
Der SS-Gruppenführer blieb auf der Treppe stehen, warf einen schnellen Blick auf die imposante Fassade des Schlosses und nickte.
»Braunfeld«, stellte er sich vor. »Heinrich Braunfeld.«
Der Panzergeneral lächelte mokant. Ausgerechnet Braunfeld, dachte er, und dann Befehlshaber einer SS-Division. Und Heinrich heißt er auch noch, wie sein Chef Heinrich Himmler. Kompletter geht's nicht mehr.
»Von Kortte«, sagte er noch steifer. »Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß wir für einen neuen Stab keinen Platz mehr haben.«
SS-Gruppenführer Braunfeld blickte wieder die Schloßfassade entlang und schüttelte den Kopf. Was will er, dachte er. Dieser Affe mit den roten Streifen an der Hose! »Das Schloß ist groß genug. Sie wollen doch nicht sagen, daß Ihr Stab über hundert Zimmer braucht.«
»Es befinden sich zur Zeit fünf Stäbe im Katharinen-Palast. Dazu die gesamten Trosse, morgen kommen die Werkstätten von zwei Panzerkorps hinzu. Ich empfehle Ihnen, sich im benachbarten Alexander-Palais einzurichten. Es ist noch verhältnismäßig schwach belegt.« General von Kortte hob wie bedauernd die Schultern. »Gruppenführer, es tut mir leid. Der jetzige Hausherr des Schlosses, Generaloberst Busch, Befehlshaber der 16. Armee, hat diese Anordnung getroffen.«
»Ich möchte Busch sprechen!« Braunfeld fühlte sich wie gegen den Bauch getreten. Und er sagte einfach ›Busch‹, respektlos, flegelhaft, rüde, wie von Kortte es nannte.
»Der Generaloberst ist beschäftigt«, antwortete er kühl. »Bitte fahren Sie weiter zum Alexander-Palais.«
»Sie werfen einen SS-Stab hinaus?!« Braunfeld holte tief Atem. »Herr von Kortte, das wird Folgen für Sie haben. Es wird dem Reichsführer-SS gemeldet werden! Ihre Behandlung einer kämpfenden Truppe ist unerhört! Sie hören noch von vorgesetzter Stelle.«
SS-Gruppenführer Braunfeld drehte sich um und stieg grußlos die Treppe hinunter. Was er an seinem Wagen zu seinem Stabschef sagte, konnte von Kortte nicht verstehen. Er sah nur, wie der SS-Offizier, ein Standartenführer, den Kopf in den Nacken warf, einen musternden Blick hinauf zu von Kortte warf und dann wieder in den Wagen stieg. Braunfeld folgte ihm. Zehn
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