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Das bleibt in der Familie: Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten (German Edition)

Das bleibt in der Familie: Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten (German Edition)

Titel: Das bleibt in der Familie: Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sandra Konrad
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zaghaft der Frage, ob und wie er sein Leben weiterleben kann. Die Enttäuschung, seinen Lebensweg abbrechen zu müssen, die Angst und der Druck, sein Versagen den Eltern bald eingestehen zu müssen, lähmen ihn, die Selbstmordphantasien brechen nicht ab. Auf Kays Wunsch beraumen wir eine gemeinsame Sitzung mit seinen Eltern an. Die Eltern erscheinen zur vereinbarten Sitzung, sie wirken angespannt, verstehen nicht, warum Kay ein Gespräch mit einer Psychologin wünscht, statt sie einfach zu Hause zu besuchen. Kay teilt seinen Eltern stockend mit, dass er beim Physikum endgültig durchgefallen sei. Die Eltern schweigen, sie wissen, was das bedeutet: Ihr Sohn wird kein Arzt werden. Der Vater steht auf, geht zur Tür. »Wieso hast du nicht genug gelernt?«, sagt er tonlos. Kay verteidigt sich, dass er gelernt habe, jedes Mal. Und dass es jedes Mal nicht gereicht habe. Dass er sich elend fühle, nicht mehr ein noch aus wisse. Die Mutter erzählt, dass Kay schon immer Arzt werden wollte, dass sein Leben nun vorbei sei. Der Vater starrt schweigend auf die Tür. Ich bitte den Vater, wieder Platz zu nehmen und die Sitzung mit dem nötigen Respekt zu behandeln.
    »Wo ist eigentlich Ihr Problem?«, frage ich in die Runde. Ich ernte verständnislose Blicke. »In diesem Raum sitzen zwei enttäuschte Eltern und ein 25-jähriger Mann, der sein ganzes Leben und seine ganze Berufslaufbahn noch vor sich hat«, erkläre ich. »Welche Berufslaufbahn!«, ruft der Vater. »Es ist vorbei, haben Sie das nicht gehört?«, pflichtet die Mutter ihrem Mann aufgebracht bei. Kay schrumpft auf seinem Sessel zusammen.
    »Wollen Sie einen toten oder einen lebendigen Sohn?«, frage ich die Eltern. Aus und vorbei, das Ende, alles verloren, keine Zukunft mehr, dies alles sind Gedankengänge der Eltern, die sich darauf versteift hatten, dass ihr einziger Sohn die Familienpraxis weiterführt. Nun hat sich herausgestellt, dass das nicht geschehen wird. Das Ende dieses Gedankens bedeutet aber nicht das Ende der Welt, das Ende von Kays Berufslaufbahn oder gar das Ende seines Lebens. Es ist nur das Ende der elterlichen Wunscherfüllung. Ich bestehe darauf, dass beide Eltern mir eine Antwort auf meine Frage geben.
    »Tot«, antwortet Kay schließlich anstelle seiner Eltern. »Für euch bin ich doch gestorben. Ich weiß, ihr meint es nicht böse, aber ich bin nicht der, den ihr wolltet, ich bin nicht so gut, nicht so intelligent, nicht so erfolgreich wie ihr.« Kays Mutter weint. »Was redest du für einen Blödsinn«, wehrt der Vater ab. An dieser Stelle kläre ich die Eltern über Kays Selbstmordgedanken auf.
    »Ist das wahr?«, fragt Kays Mutter ihren Sohn, der ihrem Blick ausweicht. Sie geht zu ihm und nimmt ihn in den Arm. Beide weinen. »Ich will, dass du lebst«, sagt sie ihm.
    Kays Vater reagiert nicht, noch nicht. Er braucht Zeit, sich von seiner Enttäuschung zu erholen, dass das Werk der Familie – die Praxis – nicht von seinem Sohn weitergeführt werden kann. Er braucht Zeit, zu verstehen, dass der familiär vorgegebene Weg nicht zu seinem Sohn passt. Er selbst hatte keine Schwierigkeiten, in die väterlichen Fußstapfen zu treten, es hatte ihn immer mit Stolz erfüllt, die Praxis seines Vaters zu übernehmen und der Junior zu sein. Zeit seines Lebens hatte er zu seinem Vater aufgeschaut und viel Anerkennung durch ihn bekommen. Was bei Kays Vater wunderbar funktionierte, ließ sich bei seinem Sohn nicht wiederholen. In einem aber sind die beiden sich ähnlich: Auch Kay liebt seinen Vater und braucht seine Anerkennung. Egal, ob mit oder ohne Studienabschluss. Mit der Zeit verdaut Kays Vater die Wendung im Leben seines Sohnes, und er beginnt vorsichtig, Kay bei der Wahl eines neuen Berufs zu unterstützen.
    Diese Familie ist eine gute Familie. Kays Eltern hatten vorgefertigte berufliche Pläne für Kay, aber sie lieben ihren Sohn. Sie lieben ihn mehr als das Bild, das sie sich von ihm gemacht haben. Es fällt ihnen nicht leicht, sich von ihrem Arztsohn zu verabschieden, aber sie verstehen, dass es keine andere Wahl gibt. Entweder ein verzweifelter Sohn, der über Selbstmord nachdenkt, oder ein im Medizinstudium gescheiterter Sohn, der sich langsam aufrappelt und einen anderen Lebensweg geht als den, den die Familie ursprünglich für ihn vorgesehen hatte.
    Erst als Kay sich der Liebe seiner Eltern vergewissert hat, kann er langsam Abschied nehmen von dem Traum, Arzt zu werden, und sich sein Versagen verzeihen. An diesem Punkt ist es nicht mehr

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