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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Das Dorf der verschwundenen Kinder

Titel: Das Dorf der verschwundenen Kinder Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Reginald Hill
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paar Sätzen abgebrochen, um die Aula in Augenschein zu nehmen.
    Nun trat er zu ihr in den Raum und sagte: »Entschuldigen Sie wegen vorhin, Mrs. Shimmings, aber ich mußte die Sache ins Rollen bringen.«
    »Ist schon in Ordnung«, erwiderte sie. »Ich weiß ja, wie so etwas abläuft.«
    Da fiel ihm ein, daß auch sie, genau wie Clark, die Sache damals miterlebt hatte. Und genau wie bei Clark entdeckte er auch in ihren Zügen das fassungslose Entsetzen, das ein lang verdrängter Alptraum bei seiner Wiederkehr auslöste.
    Sie war eine schlanke Frau mit leicht ergrautem kastanienbraunen Haar und wachen braunen Augen. Ende vierzig. Also in den Dreißigern, als Dendale geflutet worden war.
    »Sie befürchten also das Schlimmste?« fragte sie.
    »Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor«, entgegnete Pascoe freundlich. »Erzählen Sie mir von Lorraine.«
    »Sie war … ist ein aufgewecktes, intelligentes Kind, ein bißchen so, wie man es früher altklug genannt hat. Es überrascht mich nicht, daß sie früh aufgestanden ist und ganz allein mit ihrem Hund spazierengehen wollte. Es ist nicht so, daß sie eine Einzelgängerin wäre. Im Gegenteil, sie findet sehr schnell Anschluß und hat viele Freunde. Aber sie hat auch keine Schwierigkeiten, Aufgaben allein zu bewältigen, und wenn sie bei bestimmten Gelegenheiten die Wahl bekommt, entscheidet sie sich eher für Einzel- als für Gruppenarbeit.«
    Nach dem anfänglichen Versprecher blieb sie ostentativ, beinahe pedantisch bei der Gegenwart. Während sie sprach, sah Pascoe sich im Klassenzimmer um. Durch Rosie war sein professioneller Blick auch für alle Aspekte einer schulischen Umgebung geschärft. So registrierte er nun die Sorgfalt der aufgehängten Zeichnungen, die deutlichen Anzeichen für Planung und Ordnung sowie das Angebot von Schulmaterialien, die den Sinn für Schönheit sowie die sprachlichen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten anregten. In diesem Klassenzimmer sah alles gut und schön aus. Diese Klassenlehrerin war freitags nach Schulschluß nicht aus dem Zimmer gehastet, sondern noch dageblieben, um die letzten Aufräumarbeiten vorzunehmen und sicherzugehen, daß der Raum für den Montagmorgen perfekt vorbereitet war. Diese Lehrerin, so vermutete er, würde am Boden zerstört sein, wenn sie erfuhr, was mit einer ihrer Schülerinnen passiert war.
    »Würde sie wohl mit einem Fremden mitgehen?« erkundigte er sich.
    »Mit jemandem, der ihr auf der Straße Süßigkeiten anbietet und sie in ein Auto lockt, nein«, antwortete Mrs. Shimmings. »Aber Sie sagten, daß sie am Berg spazieren war? Da oben liegen die Dinge anders, Mr. Pascoe. Gehen Sie selbst manchmal wandern?«
    »Hin und wieder«, sagte Pascoe und dachte an Ellie, die letztes Frühjahr einen widerstrebenden Ehemann und eine rebellierende Tochter über den Drei-Gipfel-Wanderweg geschleift hatte.
    »Dann wissen Sie ja, daß man zwar jeden fremden Menschen, der einen auf der Straße grüßt, für sonderbar hält, da oben auf den Bergen allerdings jedem automatisch hallo sagt, manchmal sogar stehenbleibt und ein Schwätzchen hält. Es wäre eher sonderbar, wenn man
nichts
sagt. Ich glaube schon, daß wir gerade heutzutage unseren Kindern beibringen sollten, Fremden mit größtem Mißtrauen zu begegnen, aber Kinder lernen mehr durch Nachahmung des Vorgelebten als durch Regeln, und oben auf den Bergen bekommen sie vorgelebt, daß Fremde beinahe so begrüßt werden wie alte Bekannte.«
    »Also würde sie stehenbleiben und reden.«
    »Sie wäre nicht überrascht, wenn jemand sie ansprechen würde, und sie würde sicher nicht weglaufen. Was hätte das da oben auch für einen Sinn? Aber hatte sie nicht ihren Hund bei sich?«
    »Hunde sind eine weit überschätzte Form des Personenschutzes«, sagte Pascoe. »Es sei denn, sie sind so groß und furchteinflößend, daß man kleine Mädchen ohnehin nicht allein mit ihnen losziehen läßt. Dieser hat vielleicht sogar versucht, sie zu verteidigen. Seinen Verletzungen nach zu urteilen, wurde er heftig getreten. Ist von Lorraine auch etwas dabei?«
    Er betrachtete eine Reihe Bilder unter der an die Wand gepinnten Überschrift »Meine Familie«.
    Schon während er fragte, sah er den fein säuberlich geschriebenen Titel »Lorraines Familie« unter einem Bild, auf dem ein Mann, eine Frau und ein Hund gemalt waren. Die menschlichen Figuren waren etwa gleich groß und zeigten beide ein breites Lachen, gleichsam wie Melonenscheiben. Der Hund hatte im Verhältnis dazu

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