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Das dunkle Fenster (German Edition)

Das dunkle Fenster (German Edition)

Titel: Das dunkle Fenster (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Andrea Gunschera
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stattdessen nur bewusstlos geschlagen.
    Warum, fragte er sich, während er die letzten Meter zum Haus zurücklegte. Früher hätte er nicht gezögert. Sami gehörte zur anderen Seite. Er würde es ihm kaum danken, wenn er ihn am Leben ließ. Und wenn es dem Israeli gelang, sich zu befreien und Kontakt zu seinen Leuten aufzunehmen, dann würden sie wissen, dass Nikolaj hier gewesen war.
    Aber das war sowieso unvermeidlich. Wenn Sami sich nicht meldete, würde der Rest des Teams Verdacht schöpfen und ihn suchen. Sie würden schnell genug die richtigen Schlüsse ziehen.
    Er öffnete gewaltsam einen der Holzläden, schlug die Scheibe ein und griff herum, um den Fensterriegel zu lösen. Er stieß den Flügel auf und stieg ins Innere des Hauses. Im Schlafzimmer empfing ihn kühle Dämmerung. Hastig suchte er frische Kleidung zusammen und stopfte alles in eine große Umhängetasche. Dann ging er ins Bad, zerrte den Unterschrank beiseite und entfernte die lockere Fliese vor dem Geheimversteck. Er zog die Pappkiste heraus und entspannte sich etwas, als er feststellte, dass der Inhalt unversehrt war.
    Nikolaj nahm alles an sich. Die beiden verbliebenen Pässe und das Bargeld packte er in die Tasche zwischen die Kleidungsstücke, ebenso die Ersatzmagazine für die Beretta. Er legte die Pistole auf dem Waschtisch ab, dann zog er die Kiste aus dem Spiegelschrank, in der er Verbandmaterialien und Medikamente aufbewahrte.
    Er zögerte. Alles in ihm schrie, dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden musste. Auch wenn der Israeli allein gewesen war, konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die anderen hier auftauchten. Vielleicht war er auch nur eine Art Vorhut. Das Team musste unter Zeitdruck stehen, sie operierten sicher an mehreren Stellen gleichzeitig, um seine Spur wieder zu finden. Doch dann war es umso wahrscheinlicher, dass sie ständig in Kontakt standen.
    Sekundenlang starrte Nikolaj sein Spiegelbild an.
    Ihm gefiel nicht, was er sah. Unter den Augen lagen tiefe Schatten, seine Pupillen waren blutunterlaufen und glänzten unnatürlich. Sein Gesicht wirkte fahl unter der Sonnenbräune. Er musste sich dringend um seine Verletzung zu kümmern. Hier gab es wenigstens heißes Wasser.
    Tief holte er Atem. Dann ließ er sich auf den Toilettensitz sinken, streifte das Hemd ab und begann den Verband zu entfernen. Die letzten Lagen musste er einweichen, um sie ablösen zu können. Mit zitternden Fingern ließ er die Bandagen auf die Fliesen fallen.
    Die Wunde sah trocken aus, die Haut um die Ränder jedoch aufgeworfen und entzündet. Nikolaj entkleidete sich und drehte den Wasserhahn auf. Er wartete, bis der Strahl heiß war, dann stellte sich unter die Dusche. Mit beiden Händen stützte er sich an der Wand ab. Minutenlang ließ er das heiße Wasser über seinen Körper laufen. Der Abfluss färbte sich dunkel von Dreck und Blut. Nikolaj atmete in tiefen Zügen den Dampf ein.
    Dann bückte er sich nach der Kunststoffflasche, die er auf den Boden der Dusche gestellt hatte. Er drehte das Wasser ab und schraubte den Verschluss auf. In der Flasche befand sich Wasserstoffperoxid, das eigentlich für Reinigungszwecke gedacht war, sich aber auch zur Desinfektion eignete.
    Er schüttete einen Schwall der farblosen Flüssigkeit in die offene Wunde. Der Schmerz war so überwältigend, dass er beinahe den Halt verlor. Er drückte den Kopf gegen die Wand, atmete scharf ein, stieß keuchend die Luft wieder aus. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm, den Wasserhahn zu öffnen. Er spülte die Schulter ab, dann wiederholte er den Vorgang. Diesmal war er vorbereitet, dennoch sackte er in die Knie, als das Oxidationsmittel zu blutiger Gischt aufschäumte. Ihm war übel, vor seinen Augen drehte sich alles. Minutenlang kämpfte er darum, die Kontrolle über seinen Körper wieder zu erlangen.
    Mit zitternden Muskeln stieg er aus der Dusche. Hastig trocknete er sich ab; dann verband er die Schulter neu. Er schüttete sich vier Schmerztabletten aus einem Glasröhrchen auf die Hand und spülte sie mit Wasser hinunter. Als er sich fertig angekleidet hatte, waren alles in allem fast dreißig Minuten vergangen.
    Nikolaj warf die Glock mit dem Schalldämpfer in die Umhängetasche, schob die Beretta aus dem Geheimversteck in den Hosenbund und verließ das Haus durch das zerbrochene Fenster. Er kehrte nicht zurück zu den Kalksteinhöhlen, sondern lief die Auffahrt zur Straße hinunter. In seiner Hosentasche befand sich der Autoschlüssel des

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