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Das einsame Herz

Das einsame Herz

Titel: Das einsame Herz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinz G. Konsalik
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seine Kammer stieg, sich auf das Bett warf und das Gesicht in die Decken vergrub.
    Schlafen … dachte er … nur schlafen, nichts mehr hören, nichts mehr sehen … nichts als schlafen … eintauchen in die Dunkelheit … versinken … schlafen … ewig schlafen …
    … sterben …
    Und vor dem Fenster rieselte wieder der Schnee.
    Am Abend dieses Tages brachte einer der Gesellen einen Brief zu Otto Heinrich auf die Kammer und ein zusammengefaltetes Papier.
    Otto Heinrich, der dabei war, seine Habe zu ordnen und einzupacken, da nach dieser Auseinandersetzung ein Bleiben im Hause Knackfuß unmöglich war, nickte dem Jungen knapp zu, nahm die Briefe und legte sie auf den kleinen Tisch.
    Dann räumte er erst den Koffer ein, schrieb eine kurzgefaßte Austrittserklärung aus den Diensten der Frankenberger Apotheke und faltete dann erst das lose Blatt auf.
    Es war ein kurzer Brief des Prinzipals.
    Keine Anrede, keine Anschrift – das Schreiben begann wie ein Kanonenschuß.
    »Da Sie einsehen werden, daß nach dem heutigen Vorfall nie gekannter Disziplinlosigkeit ein Verbleiben Ihrer Person in meiner Apotheke unmöglich geworden ist, sehe ich mich gezwungen, Sie aus meinen Diensten zu entlassen.
    Sie werden andererseits aber einsehen müssen, daß es mir jetzt am Beginn eines Jahres und bei den unwegsamen Straßen und Postverbindungen fast unmöglich ist, einen neuen Provisor in Dienst zu stellen.
    Aus dem Bestand der Apotheke möchte ich nicht noch einmal eine Enttäuschung wählen. Ich muß Sie daher – sehr gegen meinen und sicherlich auch Ihren Willen – ersuchen, Ihre Stellung bei mir bis zum Eintreffen des neuen Kollegen weiterhin zu bekleiden. Ich werde bemüht sein, diesen unhaltbaren Zustand schnellstens zu ändern. Da sich demnach eine weitere Zusammenarbeit nicht vermeiden läßt, ersuche ich Sie, auf Ihrem Zimmer zu speisen und tunlichst den persönlichen Verkehr mit mir auf ein erträgliches Mindestmaß zu beschränken.
    Ihr Dienst beginnt wie immer morgen 8 Uhr früh im Laboratorium.
    Knackfuß, Apotheker zu Frankenberg.«
    Otto Heinrich ließ das Papier auf seinem Schoß sinken und blickte halb erstaunt, halb ärgerlich vor sich hin.
    »Er braucht mich, das ist alles«, dachte er. »Er kann mich nicht entbehren, er will keinen Skandal … er sucht einen Weg, mich weiter zu fesseln, zu quälen und in die Verzweiflung zu treiben. – Aber ich gehe! Ich bleibe nicht!!«
    Doch je länger er darüber grübelte, um so größer wurde seine Hoffnung, Trudel vielleicht doch noch einmal zu sehen, sie zu sprechen oder nur zu erfahren, wo sie in Chemnitz wohnte und ob man schreiben konnte, wie das Herz blutete in der Sehnsucht nach ihren Lippen.
    So nahm er den zweiten, verschlossenen Brief vom Tisch, drehte ihn mehrmals um, da er keine Anschrift und keinen Absender enthielt, schüttelte den Kopf und erbrach das Kuvert.
    Ein kleines, mit einer zierlichen Schrift eng beschriebenes Papier fiel heraus, und Otto Heinrich, der das zu Boden geflatterte Blatt aufhob, las auf der Rückseite das Wort ›Trudel‹.
    Ein heißer, beißender Stich jagte ihm durch das Herz.
    Bebend rückte er an die Lampe und schraubte sie heller.
    »Trudel«, dachte er. »Trudel«, flüsterte er. »Trudel, liebste, liebste Trudel. Du schreibst mir … o Trudel … Liebste …«
    Mit zitternden Lippen begann er zu lesen.
    »Mein liebster, einziger Geliebter!
    Zürne nicht! Das Leben ist so anders als der Wunsch der Herzen, und Glück ist seltener als eine Stimme Gottes, die die Seele trifft.
    Ich bin Dir weit entfernt, wenn Deine Hand den Brief erbricht, weit, Liebster, weit … so weit, daß nie ein Weg mehr uns zusammenführt.
    Es ist des Vaters Wille, daß ich gehe. Und ich gehorche, denn des Vaters Leben ist mir heilig, auch wenn er Dich und mich verbannt und Herzen tötet, weil sie glücklich sind. Doch bleibe ich bei Dir, so wird der Vater sich am Gram verzehren, und unser Glück wäre Fluch, und unser Leben nur die Flucht vor einem Totenbild, vor einem Vater, der beim letzten Atem noch die Faust hob.
    Ich muß gehorchen. Leben heißt Gehorsam, denn nur Gehorsam wird uns unsere Ehre schützen. Ich weiß, daß nun auch Du mir fluchst – Liebster, ich ertrage es, denn meine Seele ist gestorben, wenn sie diesen Brief geschrieben, und nur der Körper atmet noch … wer weiß, wie lange noch … es ist die Qual nur eines aufgeschobenen Todes.
    Ach Liebster, vor Dir liegt die ganze Welt. Erobere sie, erfülle sie mit Deinem Geist, gib ihr ein

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