Das Erbe der Pilgerin
keine Widerrede, Ihr müsst Euch waschen. Und Geld ist ja genug da.« Sie wies auf den Samtbeutel.
»Hurenlohn!«, sagte Geneviève verächtlich.
Miriam legte den Beutel auf eine der Truhen neben das Johannesevangelium. »Kind, ich will den Kerl ja nicht in Schutz nehmen, er hätte dieses ›Opfer‹ nicht annehmen dürfen, das Ihr ihm gebracht habt. Aber was das Geld angeht – in gewisser Weise hat er es gut gemeint. Er begreift nicht, dass Ihr es für Eure Glaubensbrüder getan habt.«
»Aber er hat immer für uns gekämpft!«
Miriam bemerkte belustigt, dass nun Geneviève den Grafen verteidigte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Kleines, er hat für Okzitanien gekämpft. Für die Unabhängigkeit vom französischen König. Der wartet doch nur darauf, dass der Kreuzzug vorbei ist, um sich das Land hier einzuverleiben. Es ging nie um die Albigenser. Nur um das Recht des Grafen, über ihre Duldung zu entscheiden.«
»Ist das nicht das Gleiche?«, fragte Geneviève entmutigt.
Miriam nahm sie in den Arm. »Erinnert Ihr Euch noch, als der Kreuzzug begann? Da wollte der Graf im letzten Moment die Seiten wechseln. Er hat das schon mehrmals getan. Der Mann ist von überbordendem Temperament, rasch entschlossen, rasch verärgert, ein großer Kämpfer, ein Großer Liebender – aber nicht verlässlich. In den letzten Jahren haben meine Sterne ihn von so manchem Unsinn abgehalten – nur damit ihm dann dieser Dummkopf von Aragón im entscheidenden Moment seinen Willen aufdrückt. Es war Pech, Kleines, er hätte Montfort schlagen können. Aber so … für ihn ist die Flucht nach England die einzige Chance.«
»Und für uns?«, flüsterte Geneviève. »Was tun wir? Warten, bis Montfort uns alle umbringt?«
»Vorerst wird uns nicht viel anderes übrig bleiben«, meinte Salomon von Kronach.
Miriam hatte es geschafft, eine Art Konferenz in den Räumen des Burgvogts einzuberufen. Pierre de Montalban stand der Maurin zwar zutiefst skeptisch gegenüber, aber andererseits hatten ihre Ratschläge den Albigensern nie geschadet, und jetzt gehörte sie zu den wenigen Menschen auf der Burg, die nicht vollständig kopflos reagierten. Ein paar seiner Männer hatten bereits Hals über Kopf das Consolamentum genommen und waren jetzt entschlossen, sich zu Tode zu hungern, denn das Leben als Parfait war ihnen nach ihrem früheren sündigen Dasein verwehrt. Die späte Taufe ermöglichte ihnen nur noch einen würdevollen Tod. Noch langsamer als das Sterben in den Flammen. Dabei war von Montforts Truppen bislang nichts zu sehen und nichts zu hören. Die etablierten sich erst mal in Toulouse.
Zu der Gruppe, die sich um Pierre de Montalban versammelt hatte, gehörten Abu Hamed, der Gatte der Maurin, der Arzt Gérôme de Paris, Pierres Sohn Flambert und Geneviève, seine Tochter. Letztere wirkte blass und erschöpft. Sie trug wieder Schwarz, die Kleidervorschriften der Gräfin waren jetzt schließlich hinfällig.
»Wir können hier ja kaum weg«, führte der Medikus weiter aus. »Die Albigenser sowieso nicht – da käme höchstens eine Flucht nach Italien infrage, und darauf wartet Montfort wahrscheinlich nur. An seiner Stelle hielte ich die Grenze bewacht.«
»Ich hörte, Ihr wollt zurück nach Al Andalus«, wandte sich der Burgvogt an die Mauren.
Abram biss sich auf die Lippen, aber Miriam schüttelte entschlossen den Kopf. »Wir überlassen Euch hier nicht Eurem Schicksal!«, sagte Miriam und spielte mit einer Strähne ihres vollen goldbraunen Haars, die sich unter dem Gebende hervorgestohlen hatte. Sie war die Kleidung der höfisch gewandeten Damen nicht mehr gewohnt. Aber an diesem Tag hatte sie demonstrativ auf Pluderhosen, Schleier und wallende Brokatgewänder verzichtet. Mit dem Weggang des Grafen hatte Miriam die Rolle der Sterndeuterin abgestreift. »Ich weiß, dass Ihr mich für die Niederlage bei Muret verantwortlich macht. Das war zwar nicht mein Fehler, aber ich bin nicht feige. Ihr braucht hier jeden Mann.«
Der Burgvogt schmunzelte. »So seht Ihr Euch als Ritter?«, fragte er spöttisch.
Miriam funkelte ihn an – was nur ohne Schleier möglich war. »Auch wir Frauen haben zwei Hände«, bemerkte sie. »Falls Euch das bisher entgangen sein sollte. Damit können wir genauso gut Steine schleppen und die Festungsmauern verstärken wie Ihr. Wir können Pech kochen, und stellt Euch vor, wir wären sogar fähig, es über Euren Angreifern auszuschütten. Wir können Katapulte bedienen …«
»Wir haben keine Katapulte«,
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