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Das Erbe der Pilgerin

Das Erbe der Pilgerin

Titel: Das Erbe der Pilgerin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ricarda Jordan
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auf die Lippen. Er fürchtete um Sophia.
    »Vielleicht sollten wir erst mal herausfinden, ob das Mädchen überhaupt da drin ist«, bemerkte Florís, der die zwiespältigen Gefühle seines Pflegesohns besser verstand als sein raubeiniger Schwager. »Ich meine … bisher hat man nichts von ihr gesehen, und wir beobachten die Burg doch nun schon so lange Zeit.«
    »Sie wird ja auch nicht auf den Wehrgängen spazieren gehen!«, empörte sich Dietmar. »Sie …«
    »Was spräche also dagegen, die Wehrgänge zu bombardieren?«, unterbrach ihn Rüdiger.
    Der junge Ritter beachtete seinen Oheim gar nicht. »Sie hat mir erzählt, sie ängstige sich vor den Rittern ihres Vaters. Also wird sie ihre Gesellschaft kaum suchen«, sprach er weiter.
    Florís nickte. »Trotzdem«, beharrte er. »Die Herrin Luitgart ist manchmal auf dem Söller. Begleitet von Mägden, Hofdamen hat sie wohl nicht. Aber auch die Küchenmädchen und Köchinnen kommen ab und an auf die Zinnen. Die sind doch neugierig, was sich hier tut. Nur Sophia lässt sich Tag und Nacht nicht blicken. Dabei sollte sie begierig sein, dich zu sehen.«
    »Bei Nacht?« Dietmar runzelte die Stirn. Er hörte mal wieder nur, was er hören wollte.
    Florís lächelte ihm zu. »Oh, deine Mutter hat sich gern mal bei Nacht auf den Turm gestohlen«, bemerkte er. »Aber wie auch immer, es ist seltsam. Wir sollten herausfinden, was mit dem Mädchen los ist.«
    Dietmars Miene verdüsterte sich. »Du willst damit nicht sagen, sie wäre womöglich … sie wäre womöglich gestorben?«, fragte er heiser.
    Florís zuckte die Schultern. »Dietmar, du hast sie seit fast drei Jahren nicht gesehen. Es ist möglich, dass sie nicht mehr am Leben ist. Oder verheiratet. Wahrscheinlich hätten wir zwar davon gehört, aber vielleicht auch nicht. Wie gesagt: Wir sollten uns vergewissern.«
    »Und wie?«, fragte Dietmar verwirrt.
    Rüdiger seufzte. »Wenn das nächste Mal so ein Dummkopf einen Ausfall versucht, weist Ihr die Leute an, ihn nicht so zuzurichten, dass er nicht mehr reden kann. Ihr lasst ihn bringen und befragt ihn.«
    »Und wenn er nicht reden will?«, fragte Dietmar.
    Rüdiger fasste sich an den Kopf. »Dann hilfst du ein bisschen nach!«, bemerkte er.
    Dietmar nickte, widerwillig fasziniert von diesem Einfall. Von selbst wäre er nie darauf gekommen.
    Rüdiger seufzte. »Erziehung am Minnehof«, sagte er theatralisch. »Man kann es mit den ritterlichen Tugenden auch übertreiben. Und damit das nicht überhandnimmt, feuere ich morgen erst mal dieses Katapult ab. Nur um auszuprobieren, ob’s überhaupt treffsicher ist. Keine Widerrede, Dietmar, da musst du durch! Und Gerlin ist in den Gemarkungen an der Grenze zu Bamberg. Die wird nichts mitkriegen.«
    »Was ist das? Das muss aufhören! Das ist schrecklich!«
    Luitgart von Ornemünde war nüchtern, wie gezwungenermaßen oft in letzter Zeit – die Weinvorräte von Lauenstein schrumpften zusehends. Allerdings schien sie völlig außer sich, als sie am nächsten Morgen in den Rittersaal ihres Gatten stürmte. Roland beriet sich hier mit einigen seiner Vertrauten. Der Palas erschien ihm sicher – bisher reichte der Beschuss nur bis auf den Burgplatz, und die Halle der Lauensteiner hatte feste Mauern.
    »Was soll das sein?«, fragte Luitgarts Gatte jetzt griesgrämig. »Kugeln! Die feuern das Katapult ab!«
    »Aber das können wir nicht dulden! Sie zerstören die ganze Burg!«
    Luitgart blickte begehrlich auf den Weinkrug, der zwischen den Männern auf einem der Tische stand. Mit zitternden Händen griff sie nach einem Becher.
    »So schnell geht eine Burg nicht kaputt, Herrin«, beruhigte sie einer der Ritter, während Roland eher gereizt reagierte.
    »Was sollen wir denn deiner Ansicht nach tun? Die Kugeln auffangen und zurückschmeißen? Wobei ich mich frage, warum sie überhaupt so lange gewartet haben mit dem Beschuss. Die Blide steht da schließlich seit einem halben Jahr.«
    Luitgart runzelte die Stirn. »Du meinst … sie haben sich so lange zurückgehalten?«
    Roland verdrehte die Augen. Trotz oder gerade wegen der Belagerung sah er gut aus. Der Verzicht auf die übliche Völlerei bekam ihm, er hatte etwas Gewicht verloren, aber nicht an Muskelmasse. Sein Gesicht war weniger rot vom Weingenuss und wirkte kantiger und entschlossener. Jetzt blickte er aber wütend und ungeduldig auf seine Gattin.
    »Herrgott, Frau, wenn dir das Holzgestell bis jetzt entgangen ist, musst du wahrhaft blind sein! Und taub, sie haben’s ja hörbar

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