Das Erbe der Pilgerin
teilten sich fünf Mädchen eine Kemenate.
»Ich musste etwas erledigen«, flüsterte Geneviève. »Ich musste … Einfluss nehmen.«
»Ja?« Sophia rückte zur Seite und machte ihr Platz in ihrem Bett. Geneviève schlüpfte neben sie. »Auf wen?«, fragte Sophia.
Geneviève lächelte. »Auf einen ganz speziellen Minneherrn!«, scherzte sie. »Schlaf jetzt, morgen gibt es gute Nachrichten. Eine neue Verteidigungsstrategie …«
»Ja?«, fragte Sophia noch einmal. »Aber ich dachte, der Hof ginge nach England. Nun, Flambert wird’s freuen.«
Geneviève legte ihr die Finger auf die Lippen. »Morgen ist alles anders!«, versprach sie. »Glaub mir, wir sind bald wieder in Toulouse.«
Am nächsten Morgen war Ariane, die der Gräfin bei der Morgentoilette half, als Erste wach. Sie zog gähnend eine Tunika über ihr seidenes Hemd.
»Steh auf, Suzette!«, rief sie einem der anderen Mädchen zu, das als Langschläferin bekannt war. »Los, komm und hilf mir heute Morgen. Schau, die Sonne scheint! Kein so grässliches Wetter wie gestern, vielleicht können wir ja endlich mal wieder hinausgehen und den Troubadouren lauschen. Die Trauerstimmung hier muss doch mal ein Ende haben.«
Geneviève und Sophia beachteten die beiden Jüngeren nicht, die sich schließlich hinausschlichen. Kurze Zeit später waren sie wieder da. Diesmal nicht leise, um die anderen nicht zu stören, sondern aufgebracht und verstört.
»Geneviève!«
Die Albigenserin zeigte sich den anderen gegenüber zwar immer verschlossen, aber sie besaß doch eine gewisse Autorität. In Notfällen, wenn die Gräfin nicht verfügbar war, wandten sich Leonors Zöglinge ganz selbstverständlich an die Ältere.
»Geneviève, die Gräfin ist nicht da! Ihre Zofe auch nicht. Und das Zimmer ist fast ausgeräumt. Sie sind … sie sind weg … Der Graf und die Gräfin. Und der Mundschenk sagt, sie sind nach England.«
Geneviève sah die Mädchen mit großen Augen an. »Nein«, flüsterte sie. »Nein …«
Dann begann sie zu schreien.
»Doch, ich wusste, dass der Graf mit seiner Familie nach England wollte.«
Miriam zeigte sich nicht allzu überrascht von Raymonds plötzlichem Aufbruch. In ihrer Not hatten Sophia und Ariane an die Tür der Maurin geklopft, obwohl sie damit rechneten, dass niemand öffnete. Gut möglich, dass der Graf nicht ohne seine Hofastrologin geflohen war. Die Herrin Ayesha war jedoch noch da und ließ die aufgeregten jungen Mädchen ein. Sie hörte sich den Bericht der beiden geduldig an.
»Ich sollte auch mit«, erklärte sie dann. »Aber ich habe den Grafen gestern abschlägig beschieden. Mein Gatte und ich wollen heim nach Al Andalus.«
»Ihr wollt auch weg?«
Ariane brach in Tränen aus. Sie war die Tochter eines Landadligen, der als Raymonds Vasall gegen Montfort gekämpft hatte. Wenn die Kreuzfahrer das Languedoc jetzt überrannten, war ihre Familie ebenso gefährdet wie die Albigenser.
»Beruhigt Euch, mein Kind, wir werden gewiss nicht bei Nacht und Nebel verschwinden«, versicherte die Maurin. »Aber was genau ist mit Geneviève?«
Ohne Atem zu holen, hatten die Mädchen ihre Nachricht hervorgestoßen. Ariane sprach von ihrer Angst vor Montfort, Sophia sorgte sich um Geneviève mehr als um ihre eigene Sicherheit. Nun konnte der Fränkin natürlich auch nicht viel passieren. Wenn Montforts Männer nicht gänzlich planlos auf den verbleibenden Hof des Grafen losgelassen wurden, dann stellte sich zweifellos schnell heraus, dass Sophia ein braves katholisches Mädchen war. Man würde ihr eine Eskorte stellen und sie nach Hause schicken. Für Geneviève würde es anders ausgehen. Aber andererseits sah es dem Mädchen nicht ähnlich, dass es sich hemmungslos seiner Angst und seinem Kummer hingab.
»Sie weint, Herrin«, gab Sophia Auskunft. »Sie weint und weint, sie kann gar nicht mehr aufhören. Sie hat sich im Bett zusammengerollt, nachdem die Mädchen mit der Nachricht kamen, und will nicht aufstehen.«
»Zuerst hat sie geschrien«, präzisierte Ariane zwischen zwei eigenen Schluchzern. »Sie weint erst, seit der Bote mit dem Beutel kam.«
»Ein Bote mit einem Beutel?«, fragte Sophia. »Davon weiß ich ja gar nichts. Aber vielleicht … vielleicht, wenn Ihr mitkämet, könntet Ihr sie beruhigen. Und … und uns sagen, was wir tun sollen.«
Miriam seufzte. »Ihr zwei geht erst mal in die Küche, und lasst Euch ein Frühstück geben, ach ja, und nehmt die anderen Mädchen mit. Anschließend könnt Ihr dann in die Messe gehen, das
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