Das Erbe der Pilgerin
sicher keine Unterschiede machen, die gelten ja auch als Häretiker. Und jetzt … mit den ganzen Flüchtlingen aus Toulouse … Aber davon ganz abgesehen …« Der Ritter straffte sich. »Ich kann hier nicht sitzen und warten, ob Montfort kommt oder nicht. Ob hier oder woanders, diese Kreuzfahrer massakrieren unsere Leute, und ich bin ausgebildet worden, sie zu schützen. Ich werde in diesem Krieg sterben, Sophia. Und ich kann den Gedanken kaum ertragen, Euch nie berührt, nie den Duft Eurer Haut geatmet, nie Eure Lippen geküsst zu haben.«
Sophia erhob sich und wischte sich die Finger achtlos an der Schürze ab, die sie über ihr Kleid gezogen hatte. »Wenn es wirklich so ist, wie Ihr sagt«, meinte sie freundlich und setzte sich neben Flambert, »wenn der Graf wirklich geht und Ihr vielleicht auch, dann will ich Euch einen Kuss gewähren. Das ist dann so wie … wie Euer Consolamentum, ein Abschied …«
Sophia hob die Hand und strich dem Ritter liebevoll über die Wange. Flambert ergriff ihre Finger und führte sie vorsichtig an seine Lippen.
»Es wird mir süßer sein als die Vergebung meiner Sünden«, flüsterte er. »Was ist ewiges Leben gegen einen Tod im Angesicht Eurer Liebe? Alles, was ich bisher geglaubt habe, war falsch. Nur Ihr könnt meine Seele befreien – nur durch Euch wirkt Gott.«
Geneviève schnappte nach Luft. Ihr Bruder lästerte ihren Glauben! Aber Troubadouren wurden solche Dinge nachgesehen, die schwebten ja immer etwas über den mehr oder weniger irdischen Dingen. Allerdings beschloss Geneviève, sich jetzt zu erkennen zu geben.
»Habt ihr nichts zu tun, dass ihr hier herumsitzt?«, fragte sie scharf und kam aus ihrem Versteck.
Flambert fuhr zusammen, Sophia blickte jedoch nur gelassen auf. Sie war an Genevièves Ruppigkeit gewöhnt und pflegte einfach darüber hinwegzusehen.
»Flambert macht sich Sorgen, weil der Graf wegwill«, sagte sie naiv.
Geneviève runzelte die Stirn. »Wo will er denn hin?«, fragte sie spöttisch.
Sophias Worte besorgten sie jedoch. Wenn das Mädchen nun schon Ausflüchte suchte, um Flamberts Tändelei zu decken, teilte es seine Gefühle womöglich mehr, als bisher zu erkennen gewesen war.
»Nach England«, flüsterte Flambert. »Es ist alles verloren, Geneviève. Raymond setzt sich ab. Natürlich behauptet er, er wolle sich nur wegen weiterer Unterstützung unserer Sache an König Johann wenden, aber dafür würde wohl auch ein Brief genügen. Und wenn der Graf erst weg ist … Wir werden alle sterben, Geneviève.«
Geneviève vergaß umgehend ihre kleinlichen Sorgen um Flamberts Liebeleien. Raymond de Toulouse wollte nach England … König Johann würde ihn nicht abweisen. Eine seiner früheren Frauen war Johanns Schwester gewesen. Er hatte sie nicht verstoßen, sondern sie war im Kindbett gestorben – das Verhältnis zu Johann war also ungetrübt. Aber helfen würden die Engländer dem Grafen sicher trotzdem nicht. Und damit starb die letzte Hoffnung der Albigenser in der Grafschaft Toulouse. Ohne Führung Raymonds würde Montfort ihre Festungen überrennen und sie alle töten.
Wie in Trance wandte Geneviève sich um. Sie musste jetzt allein sein, sie konnte diese Nachricht nicht mit einem naiven Mädchen wie Sophia diskutieren. Und auch nicht mit Flambert, der sich offensichtlich bereits aufgegeben hatte.
Geneviève ließ sich durch die Wehrgänge und Korridore der Burg treiben und achtete nicht auf die Ritter und Mädchen, denen sie begegnete. Sie dachte fieberhaft nach. Wenn es nur irgendetwas gäbe, das sie tun könnte! Noch war der Graf nicht fort, und bisher hatte sie auch keinerlei Vorbereitungen für einen raschen Aufbruch des Hofes bemerkt. Vielleicht könnte man Raymond also noch umstimmen. Wenn der Graf auf irgendjemanden hörte … Vielleicht auf ihren Vater? Ob der es überhaupt schon
Geneviève fiel ein, dass sie Flambert nicht danach gefragt hatte, woher er seine Informationen hatte. Vielleicht waren die sogar falsch – obwohl es nicht so ausgesehen hatte. Flambert hatte völlig aufgewühlt gewirkt. Aber wenn man sonst auch einiges gegen ihn sagen konnte: Leichtgläubig war er nicht.
Die Albigenserin eilte in den Flügel der Burg, in dem der Kommandant seine Räume hatte. Sie würde jetzt erst einmal mit ihrem Vater sprechen. Vielleicht fiel dem ja etwas ein. Während sie sich dem Palas näherte, drängte sich ihr die Erinnerung an das letzte Gespräch auf, das sie hier mit Pierre de Montalban geführt hatte. Damals, als er
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