Das Erbe der Pilgerin
suchen!«, sagte er hart. »Und möglichst auch auf sie und nicht auf irgendwelche ritterlichen Verbündeten hören. Wir haben jedenfalls genug getan. Der Emir sollte zufrieden mit uns sein, zumal für ihn garantiert keine Gefahr mehr von Raymond de Toulouse ausgeht. Kehren wir heim nach Al Andalus und bauen wir deine Sternwarte. Mein Handelshaus war auch lange genug verwaist.«
Miriam grinste Abram bei dieser Bemerkung spöttisch an, Salomon bedachte ihn mit einem säuerlichen Seitenblick.
»Wenn ihr da noch hinkommt«, bemerkte er dann. »Ich sehe zurzeit keine sichere Reisemöglichkeit durch die iberischen Lande nach Granada. Oder ist euch entgangen, dass König Peter die Mauren schwer geschlagen hat? Da weiß doch gerade keiner, welcher Landstrich wem gehört. Wollt ihr übrigens als Juden oder Mauren reisen?«
Abram lächelte schief. »Ich glaube, Albigenser sind da ziemlich ungefährdet«, bemerkte er müde. »Was sagt denn übrigens eure Freundin Geneviève zu der geplanten Flucht des Grafen? Wissen die Bonhommes das überhaupt schon?«
Geneviève de Montalban erfuhr die Nachricht von Sophia und ihrem Bruder. Sie traf die beiden im Garten der Burg Montalban, der natürlich nicht an die blühenden Rosenbüsche, die Wasserspiele und verschwiegenen Nischen des Schlossgartens in Toulouse herankam. Aber Flambert war Troubadour durch und durch. Er betete seine Dame gern im Grünen an, und Sophia erwärmte sich für die Gartenarbeit. Sie rupfte Unkraut zwischen den Nutzpflanzen, während Flambert mit der Laute auf einer Bank saß. Als Geneviève sich jetzt eifersüchtig näherte, waren die beiden in ein ernstes Gespräch vertieft. Nach wie vor sah sie es nicht gern, wenn Flambert die Tage mit Musik und Frauendienst vertrödelte, statt zu beten oder sich in den Künsten der Ritter zu üben. Dabei hatte der junge Mann trotz einer leichten Verwundung vor Muret gut gekämpft, Geneviève konnte ihn nicht tadeln. Viel Raum für ritterliche Ertüchtigung bot die enge Burg Montalban außerdem nicht, die Kämpfer übten immer nur in kleinen Gruppen.
Geneviève hoffte, dass sie Sophia nicht falsch einschätzte, aber zumindest damals, nach dem Sturz vom Pferd, war sie ihrem fränkischen Minneherrn noch treu ergeben gewesen. Die junge Albigenserin hatte Sophia nicht nach dem Medaillon gefragt, aber die hatte ihr bereitwillig von ihrer Romanze mit Dietmar von Lauenstein erzählt. Sie war verliebt und auch so etwas wie heimlich versprochen. Geneviève hatte nur halb hingehört, aber immerhin aufgeatmet, weil sie daraus schloss, dass Flamberts Schwärmerei für das Mädchen unerwidert bleiben würde.
In der letzten Zeit hegte sie da allerdings Zweifel. Besonders seit der Flucht nach Montalban steckten Flambert und Sophia für Genevièves Dafürhalten viel zu häufig zusammen, und Flamberts Augen pflegten stets verräterisch zu leuchten. Sophia schien den jungen Albigenser zumindest zu mögen. Und die Geschichte mit ihrem Dietmar war inzwischen über ein Jahr her.
Geneviève wollte eigentlich nicht lauschen, aber als sie Flambert jetzt reden hörte, konnte sie nicht anders. Sie versteckte sich hinter einem Baum und horchte. Flamberts Stimme klang verzweifelt.
»Ich habe tapfer gekämpft, Herrin Sophia, Ihr müsst es mir glauben! Hatte ich doch Hoffnung, dass Ihr …«
Sophia sah lächelnd von ihrer Arbeit auf und hielt sich den mit Erde verschmutzten Finger an die Lippen. »Psst, Herr Flambert. Ich habe Euch nie Hoffnungen gemacht, das wisst Ihr!«
»Ihr könnt einem Mann nicht das Träumen verbieten, wenn er dadurch Kraft schöpft für einen Kampf«, sagte Flambert und strich über die Saiten der Laute, als inspirierten ihn die Worte zu einem Lied. »Aber nun ist sowieso alles dahin. Ich werde sterben, Sophia, wir alle werden sterben. Und ich wünschte mir … ich wünschte mir so sehr, ich hätte dabei die Erinnerung an einen Kuss von Euren Lippen.«
Sophia lachte, aber nicht spöttisch, sondern sanft und mitfühlend. »Es ist doch noch gar nicht sicher, dass wir sterben, Herr Flambert. Vielleicht haltet Ihr ja die Feste. Oder dieser Simon de Montfort konzentriert sich auf andere Ziele. Okzitanien ist groß. Und Montalban galt doch nicht als Zentrum der Albigenser, oder?«
Flambert spreizte die Finger und strich damit durch sein weiches, dunkles Haar – eine Geste, die charakteristisch für ihn war. »Hier tummelten sich vor dem Krieg hauptsächlich Valdenser«, erinnerte er sich. »Wobei Montfort und der Papst da
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