Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das größere Wunder: Roman

Das größere Wunder: Roman

Titel: Das größere Wunder: Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Glavinic
Vom Netzwerk:
hinauf und durfte keine Fehler machen. Und sollten ihn plötzlich grünäugige Drachen umschwirren, würde er auch nichts anderes tun, er würde diese Wand hochklettern und dabei auf jeden seiner Schritte achten, so wie auf den Jumar, mit dem er ins Fixseil eingeklinkt war.
    Die Ankunft in Lager 3 auf 7200 Metern erlebte er wie einen Film. Ein guter Bekannter, an dessen Namen er sich leider nicht erinnerte, begrüßte ihn und klopfte ihm auf die Schulter. Ein anderer erklärte ihm etwas, wies nach oben und lachte, und Jonas nickte interessiert, ohne ein Wort zu verstehen, geschweige denn die Zusammenhänge zwischen dem, was der Mann erzählte, und ihm selbst. Er wusste zwar, dass er auf diesen Gipfel sollte, doch dafür gab es dieses Seil. Er wollte sich um nichts anderes kümmern. Er wollte an diesem Seil entlang hinauf- und wieder hinuntergehen. Er wollte nichts verstehen, weil er nichts verstehen konnte.
    Er hörte eine Stimme. Nach einer unbestimmten Zeitspanne erkannte er Marcs Gesicht vor seinen Augen. Sonderbarerweise schwand in diesem Moment seine Benommenheit. Er fühlte sich müde, doch er war wieder ganz bei sich. Er hatte leichte Kopfschmerzen und musste nach Luft schnappen, sonst entdeckte er an sich keine Anzeichen des Unwohlseins, jedenfalls keine gravierenden.
    »Dich hat es ein wenig erwischt, wie?« sagte Marc freundlich.
    »Jetzt ist alles in Ordnung. Vorhin, da war ich …«
    »Nicht ganz Herr im eigenen Haus?«
    »So kann man es ausdrücken.«
    »Wir warten noch auf Hadan, dann steigen wir ab. Hier, trink das.«
     
    Der Abstieg zu Lager 2 fiel Jonas recht leicht, was er sich selbst nicht erklären konnte. Sein körperlicher Zustand schien mitunter von Stunde zu Stunde zu wechseln. Weiter oben würde er sich solche Ausfälle nicht leisten können.
    Als sie vor seinem Zelt standen und Jonas die Steigeisen abschnallte, beschloss er, Marc von seinen Schwierigkeiten beim Aufstieg zu erzählen.
    »Das muss noch nichts bedeuten«, sagte Marc. »Aber wir sollten aufpassen.«
    Gerade wollte Jonas sich im Zelt hinlegen, da hörte er draußen Marcs Stimme.
    »Das Wetter verschlechtert sich. Wir gehen lieber gleich runter.«
    »Wohin runter?«
    »Ins Basislager.«
    »Bist du wahnsinnig?«
    »Nein, bin ich nicht.«
    »Das schaffe ich nie! Weißt du überhaupt, wie spät es ist? Es wird auch mal dunkel! Ich kann …«
    Ein Blick in Marcs Gesicht genügte, um sein Gejammer abzubrechen.
    »Das ist ein Witz, nicht wahr?«
    »Ist es.«
    »Großer Gott, was soll denn das?«
    »Ich wollte dir einen kleinen Schock versetzen, damit der Adrenalinstoß dich daran hindert, einzuschlafen, ehe der Doktor kommt und dich angesehen hat.«
    »Der Mann mit den gelben Fingern?«
    »Der sitzt im Basislager und schaut Fußball. Nein, der – ah, da ist er schon. Er heißt übrigens Bernie. Bernie, das ist Jonas.«
    In den nächsten Minuten wurde Jonas von dem Arzt untersucht, den Marc gestern zu den Belgiern gebracht hatte. Während dieser ihm in die Augen leuchtete, fiel es Jonas schwer, aufrecht sitzen zu bleiben. Er wollte bloß noch liegen und, auch wenn er keinen Schlaf finden sollte, mit geschlossenen Augen im Schlafsack liegen und sich nicht bewegen müssen, das kam im Augenblick seiner Vorstellung vom Paradies am nächsten.
    »Und, geht es ihm gut?« hörte er Marc sagen.
    »Das würde ich nicht gerade behaupten.«
    »Es geht ihm schlecht?«
    »Davon war auch nicht die Rede.«
    »Wovon war denn nun die Rede?«
    »Es geht ihm so gut oder so schlecht, wie es den Leuten hier eben geht. Besorgniserregend ist es nicht, in Anbetracht der Umstände. Wenn jemand zu Hause in Boston in solcher Verfassung zu mir käme, na das wäre …«
    Mehr hörte Jonas nicht, die beiden mussten sich während ihrer Unterhaltung vom Zelt entfernt haben.
    Er sank in einen wohligen Dämmerzustand. Etwas später bemerkte er, wie der Reißverschluss des Zelts geschlossen wurde, und nahm an, Marc sei zurückgekehrt. Plötzlich fühlte er jedoch jemanden neben sich. Ein Körper drängte sich an ihn.
    Dieses Parfüm kannte er. Er kannte auch diese Arme. Und es gab auf der Welt nur einen Menschen, der ihn auf diese Art streichelte, von der Stirn über die Nase und zurück. Es gab nur eine Frau, die ihn so am Kinn fasste, nur eine, deren Haar so roch und ihn so im Gesicht kitzelte, nur eine, die ihn so küsste.
    Die Intimität ihrer Lippen auf seinen ließ ihn hochschrecken. Mit jagendem Puls und weit aufgerissenen Augen saß er da.
    Neben ihm war niemand.

Weitere Kostenlose Bücher