Das größere Wunder: Roman
hatte nun seine Schulden beglichen. Und ihn berauschte der Gedanke, dass nur er es wusste.
Seinen Weg, von Anfang bis jetzt, nur er kannte ihn, und das war gut so. Denn jede Geschichte, die man erzählte, gehörte einem nicht mehr ganz. Man musste darauf achten, was man teilte. Die wichtigsten Geschichten behielt man besser für sich. Zumindest bis die eine Person kam, für die sie bestimmt waren.
35
Entgegen seiner Erwartung schlief Jonas sogar ein wenig. Zwar nie länger als zehn Minuten, weil ihn der Sauerstoffmangel, den seine flachere Atmung auslöste, immer wieder aus dem Schlaf schreckte, doch diese zehn Minuten waren ihm mehrmals gegönnt, sodass er am nächsten Morgen, als er im Zelt seine Sachen zusammensuchte, in einem besseren Zustand war als vierundzwanzig Stunden zuvor.
Er zog alles an, was er finden konnte, drei Schichten Unterwäsche, seinen Windstopperanzug, die Fleecelatzhose und den Daunenanzug. Trotzdem war die Kälte, die ihn draußen in der Dunkelheit erwartete, ein Schock. Vor dem Zelt wehte ein derart eisiger Wind, wie er ihn nur in der Antarktis erlebt hatte, wo man die Luft an kalten Tagen beinahe als flüssig empfand, flüssig wie Salzsäure.
Nicht darüber nachdenken, dachte er, sonst drehst du um.
»Alles klar?« fragte eine vermummte Gestalt neben ihm. »Gar nicht so warm heute.«
Jonas verzichtete auf eine Antwort.
»Recht so«, sagte Marc, »bloß nicht viel reden, sonst hast du gleich Eiszapfen an den Mandeln hängen. An die dreißig Grad minus, schätze ich. Geh los, folge dem Sherpa da, ich bin hinter dir. Immer in Bewegung bleiben!«
Erst nach einer Stunde erkannte Jonas den Mann, hinter dem er einen einfachen Hang hinaufmarschierte. Es war Lobsang, der Sherpa, der ihm damals in Lager 1 den Weg zu seinem Zelt gezeigt hatte. Auf dem Rücken trug der kleine Mann eine Last, die Jonas allenfalls auf Meereshöhe stemmen, doch auch dort sicherlich nicht mehrere Kilometer weit hätte befördern können.
Nach weiteren zwei Stunden stummen Gehens gelangten sie am oberen Ende des Gletschers an den Bergschrund, wo das Eis der Lhotse-Flanke in der Morgensonne funkelte und sich alle Bergsteiger in die Fixseile einklinkten.
»Wie fühlst du dich?« fragte Marc.
Jonas hob den Daumen.
»Zum Glück hat sich der Wind gelegt, sonst wäre das nicht zu ertragen gewesen.« Marc hauchte auf seine Gletscherbrille und begann sie vorsichtig zu polieren. »Du hältst dich gut. Aber bleib wachsam! Wenn du eine Pause brauchst, sag es.«
Aus Gründen, die für Jonas nicht ersichtlich waren, kam es nun zu einer Verzögerung. Am Rande nahm er wahr, dass ein Streit mit anderen Expeditionen entbrannte, doch er war viel zu ausgelaugt, um sich in irgendeiner Weise zu beteiligen. Wenn jemand befahl, er solle gehen, würde er gehen. Wenn nicht, würde er hier bis in alle Ewigkeit ausharren, obwohl ihn das Herumstehen die niedrigen Temperaturen schmerzhaft spüren ließ.
Jonas musste lange warten, zu lange, denn als er endlich seinen Weg fortsetzen und in die gewaltige Wand einsteigen konnte, hatte die Kälte den Großteil seiner verbliebenen Energie aufgezehrt. Marc stoppte ihn nach wenigen Metern.
»Hier, iss das.«
Was ist das, wollte er fragen, doch seiner Kehle entrang sich nur ein krächzendes: »Was?«
»Traubenzucker. Na ja, sagen wir einfach, es ist Traubenzucker. Es ist starker Traubenzucker.«
»Kann. Nichts. Essen.«
»Doch, du schluckst das runter. Und danach trinkst du diese Flasche leer. Zwar halten wir damit die ganze Meute auf, aber wir haben ja auch eine halbe Ewigkeit auf diese Selbstmordkandidaten da oben warten müssen. Wer unbedingt vorbei will, soll sich eben ausklinken und vorbeisteigen. Los, essen!«
Jonas sah sich essen und trinken, er sah sich weiterklettern, er sah die Sonne vor sich im Eis glitzern und sah seinen eigenen Schatten, der sich nicht synchron zu seinem Körper zu bewegen schien. Dann kletterte er weiter, beschäftigt mit der Frage, ob dies die Wirklichkeit war, und wenn sie es war, ob sie es wirklich war.
Ab und zu gewahrte er in einiger Entfernung neben sich oder über sich Gestalten. Manchmal waren es Rehe, manchmal Adler, manchmal Menschen, die sich nach einigen Metern allesamt als Felsen entpuppten oder als Halluzination. In klareren Momenten begriff er, dass er nicht mehr Herr seiner Sinne war, doch das bereitete ihm keine Sorgen, denn obwohl sein Verstand getrübt war, wusste er im Wesentlichen, was er tat. Er war hier, er kletterte und wollte
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