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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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zeigst mir, was bei den Obodriten geschah, während die Redarier sich dem Gottesurteil unterzogen.«
    »Mein kluger Tugomir. Siehst du deinen alten Freund?«
    Draschko war schwer zu übersehen. An Händen und Füßen gefesselt wie alle anderen, strahlte der alte Priester doch so große Autorität aus, dass seine Mitgefangenen verstummten und ihm ehrfürchtig lauschten, als er das Wort ergriff. Er hielt eine längere Ansprache, hob gelegentlich die gefesselten Hände, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und zeigte schließlich auf einen der Streithähne.
    Der schien einen Moment zu erstarren, ehe ein grimmiges, ganz und gar freudloses Lächeln über sein Gesicht huschte. Dann trat er zu Draschko, spuckte ihm vor die Füße, stellte sich aber dennoch an seine Seite.
    Der Priester wählte den nächsten aus der Kriegerschar aus, der ebenfalls zu ihm trat, dann noch einen. Das machte er, bis das Dutzend voll war.
    Tugomir hatte genug gesehen und wandte den Blick ab. » Er hat sie ausgesucht. Statt sich dem Willen der Götter zu unterwerfen, hat er bestimmt, wer weiterleben sollte. Vermutlich hat er ihnen erzählt, er werde die wählen, die für das Überleben ihres Volkes unentbehrlich seien, und dazu zählte er sich natürlich selbst.«
    »Und bis heute hasst er sich dafür, der Ärmste«, gluckste die Vila. »Er kann einfach nicht damit leben, dass er seine Macht benutzt hat, um seine Haut zu retten. Trotz seines Alters hat er danach keine Schlacht ausgelassen, in der Hoffnung, er werde fallen und seine Ehre so zurückgewinnen, aber wie es scheint, haben die Götter auch ihn verflucht. Kaum einen Kratzer haben seine Schlachten dem bedauernswerten Tropf eingebracht.«
    »Deine Häme gehört zu deinen abscheulichsten Wesenszügen, aber heute muss ich dir ausnahmsweise recht geben. Draschko hat kein Mitgefühl verdient. Er ist ein Feigling.«
    »Das vernichtendste Urteil, das du über einen Mann abgeben kannst, ich weiß. Weil du dir diese besondere Art von Schwäche niemals zugestehen würdest, nicht wahr? Du würdest niemals tun, was er getan hat, richtig? Einen Kompromiss mit deinem Gewissen eingehen?«
    Er wusste, dass sie ihm eine Falle stellte, aber er antwortete wahrheitsgemäß: »Ich kann es mir nicht vorstellen, nein.«
    »Dann schau noch einmal hin.«
    Tugomir sah in den Spiegel, und so groß war sein Entsetzen, dass der Schrei heraus war, ehe er die Zähne zusammenbeißen konnte. Er fuhr zurück und bedeckte die Augen mit dem Unterarm, aber es nützte nichts, er sah das Bild immer noch, und sein Stöhnen entlockte seiner Vila ein silberhelles Lachen voller Frohsinn.
    »Komm zurück. Um Himmels willen, Tugomir, komm zurück!«
    Er schlug die Augen auf, und das Erste, was er sah, war Semelas Gesicht. Beinah schien es den Schrecken widerzuspiegeln, den Tugomir immer noch in allen Gliedern spürte, als fließe ein tückisches Gift durch seine Adern, kalt und prickelnd.
    »Junge, Junge«, murmelte Semela kopfschüttelnd. »Was hat sie dieses Mal angerichtet? Ich hab dir vor Jahren schon gesagt: Reiß ihr ein Haar aus, dann bist du sie los.«
    Tugomir setzte sich auf – langsam wie ein Greis. Er war zur Jagd geritten, erinnerte er sich, allein, wie er es am liebsten tat. Er war der Fährte eines großen Wildschweins bis an dieses Ufer hier gefolgt, war abgesessen, um die Spuren zu untersuchen, und dann war sie gekommen.
    »Semela …« Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. »Wie kommst du hierher?«
    »Wir haben dich gesucht, Dervan und Slawomir und ein paar andere.«
    »Ein Glück, dass du mich gefunden hast«, murmelte Tugomir.
    Vor Semela schämte er sich nicht, wenn er verwirrt, verstört oder gelegentlich auch mit tränennassen Wangen von einem Stelldichein mit seiner Vila zurückkehrte. Semela hatte das alles ungezählte Male gesehen, und er verstand es, Tugomir zurück ins Hier und Jetzt zu helfen, ohne ihn mit Fragen zu bedrängen oder ihm zu nahe zu treten. Sie lebten seit über zehn Jahren unter einem Dach. Sie hatten zusammen manch finsteres Tal durchschritten – Semela war für Tugomir das, was einem Bruder am nächsten kam. Aber Tugomir wusste, selbst ihm würde er nicht erzählen, was er im Spiegel der Vila gesehen hatte. Keiner Menschenseele konnte er das erzählen.
    Er stützte die Ellbogen auf die angewinkelten Knie, die Stirn auf die Fäuste und starrte ins Gras zwischen seinen Füßen. Lange. Die Geister des kleinen Flusses waren freundliche Wesen, arglos wie Kinder,

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