Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
alles.«
»Ja, das sähe deinen grausamen Göttern ähnlich.« Zum ersten Mal klang Wenzel nicht mehr gänzlich gelassen, sondern beinah wütend, doch er beherrschte sich sogleich wieder. »Ich bin überzeugt, mein Gott hat dir eine völlig andere Aufgabe zugewiesen. Ich kann nur beten, dass du sie eines Tages annimmst und die Wahrheit erkennst.«
» Wahrheit «, murmelte Tugomir angewidert. »Ein Wort, das ihr Christen ganz besonders gern ins Feld führt, dabei kennt ihr die Wahrheit ebenso wenig wie alle anderen.«
»Nun, ich weiß zumindest dies.« Wenzel sah seinem Cousin direkt ins Gesicht. »Dein Vater ist tot, Tugomir.«
Tugomir fuhr zusammen, und die Hände auf seinen Knien ballten sich zu Fäusten. »Und woher glaubt du das zu wissen?« Seine Stimme klang seltsam.
»Von meiner Mutter«, antwortete der böhmische Fürst. »Ich habe sie letzten Frühling in die Verbannung geschickt, weil sie mich ermorden lassen wollte. Sie kehrte heim auf die Burg ihres Bruders. Deines Vaters. Letzten Monat hat sie mir einen Boten geschickt. Auf dem Weg hierher habe ich einen Umweg gemacht und bin zur Brandenburg geritten. Meine Mutter hatte ausnahmsweise nicht gelogen. Es tut mir leid, Cousin.«
»Ist er gefallen?«, wollte Tugomir wissen. »In dieser Schlacht bei Lenzen, gegen König Heinrichs verfluchte Panzerreiter?«
»Nein. Er kehrte verwundet aus der Schlacht zurück. Die meisten seiner Männer hatte er verloren. Dann kam ein Priester namens Tuglo …?«
»Der Hohepriester des Triglav-Heiligtums auf dem Harlungerberg.« Tugomir erinnerte sich nur zu gut an ihn. Einen Sommer lang war er Tempelschüler auf dem Harlungerberg gewesen, und er hatte heute noch Narben von den Prügeln, die er von Tuglo bezogen hatte: ein grausamer Mann, ein miserabler Lehrer, aber ein hervorragender Priester. Tuglo wusste alles über die Götter. Sogar wie man sie gnädig stimmte.
»Er hat die Schwäche deines Vaters zum Anlass genommen, ihn zu entmachten. Tuglo hat die Heveller davon überzeugt, Fürst Vaclavic sei von den Göttern verlassen und habe sein Kriegsglück verloren. Schließlich glaubte dein Vater es offenbar selbst. Er nahm seinen Dolch und …«
»Na los, raus damit«, verlangte Tugomir rau. »Er nahm seinen Dolch und durchtrennte sich die Kehle. Was ist so schwer daran, es zu sagen, du Jammerlappen .« Mit einem Mal war er so wütend auf Wenzel, dass es ihn drängte, die Fäuste in dieses Gesicht zu schmettern, das dem seinen so erschreckend ähnlich war. Dabei war die Nachricht vom Tod seines Vaters keine Überraschung. Irgendwie, erkannte Tugomir, hatte er es längst gewusst. Vermutlich war seine Vila im Schlaf zu ihm gekommen und hatte es ihm zugeflüstert. Aber es tat trotzdem weh. Tugomir hatte seinen Vater verehrt. Fürst Vaclavic war nicht leicht zu lieben gewesen, war zu unnahbar und streng, nach dem Verrat und dem Tod seiner Frau erst recht. Aber auf seine Art hatte er sich bemüht, ein guter Vater zu sein, und er war ein kluger und furchtloser Fürst gewesen, der immer das getan hatte, was er für das Beste für die Heveller hielt. Wie unerträglich es gewesen sein musste, am Ende dennoch verraten zu werden. Wieder einmal. Und keiner seiner Söhne war mehr dort, um ihm zur Seite zu stehen.
»Was ist mit Dragomir, meinem Neffen?«, fragte Tugomir. »Haben sie ihn verbannt und im Wald ausgesetzt?«
Doch Wenzel schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Dragomir ist jetzt der Fürst der Heveller. Und Tuglo ist stets an seiner Seite und flüstert ihm zu, was er sagen oder tun soll.«
Tugomir nickte wortlos und stand auf. Er beugte sich vor und sah an dem schroffen Felsen jenseits des Mäuerchens hinab. Ziemlich tief. Und ziemlich steil. Aber der helle Kalkstein schimmerte im Mondlicht, und Tugomir entdeckte kleine Spalten und Vorsprünge, wo er mit Händen oder Füßen Halt finden könnte. Es war zu schaffen, nahm er an. Auf jeden Fall einen Versuch wert.
»Was hast du vor?«, fragte Wenzel. Es klang nervös.
»Ich geh nach Hause«, erwiderte Tugomir kurz angebunden.
»Aber wie …«
»Keine Ahnung.« Er dachte einen Moment nach. Fieberhaft. »Zu Fuß bis zur Elbe. Wenn ich mich beeile, bin ich vor Sonnenaufgang dort. Beim ersten Tageslicht durchschwimme ich den Fluss, und auf der anderen Seite besorge ich mir ein Pferd. Es wird schon gehen.«
»Tugomir, das kannst du nicht schaffen. Sie werden dich einfangen, ehe du den Fluss erreicht hast.«
Tugomir wandte sich ihm zu. »Das werden wir ja sehen. Hab
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