Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
Halle entlang und über den Innenhof der Pfalz – unbelauert, denn Udo war nirgends zu entdecken. Das Haupttor der Pfalz war jetzt verschlossen, darum hatte er vermutlich befunden, dass er die kostbare Geisel bis morgen früh nicht bewachen müsse, und sich schlafen gelegt.
Tugomir war dankbar, seinen Schatten wenigstens für ein paar Stunden abgeschüttelt zu haben. Er fragte sich, was wohl aus Semela geworden sei, als er jemanden in seinem Rücken gedämpft rufen hörte: »Tugomir, warte auf mich.«
Er wandte sich um. »Wenzel.«
Sein Cousin stand an der Tür der Kirche, schloss sie sorgsam und kam dann zu Tugomir herüber. »Ich hatte gehofft, dich heute Abend noch allein anzutreffen. Ich muss mit dir reden.«
»Ich wüsste nicht, worüber«, entgegnete Tugomir.
Der böhmische Fürst betrachtete ihn einen Moment, dann wies er zum Ostende der Kirche. »Komm. Dort sind wir ungestört.«
Hinter der Kirche lag eine kleine Wiese, von deren Existenz Tugomir nichts geahnt hatte, nur begrenzt von einer niedrigen Bruchsteinmauer. Der Felsen, auf dem die Pfalz stand, war an dieser Stelle so steil, dass man auf eine Palisade verzichtet hatte, und darum bot sich dem Betrachter ein weiter Blick über die Dächer des Städtchens, die umliegenden Felder und den Harz. Selbst im Mondschein war die Aussicht atemberaubend.
Doch Tugomir hatte keinen Sinn für ihre Schönheit. »Was willst du, Wenzel? Mir raten, mich dem Wind aus dem Westen zu beugen und dem König zu unterwerfen, wie du es getan hast?«
»Das würde ich vielleicht, doch dein Tonfall verrät mir, dass mein Rat auf taube Ohren fallen würde.«
»Dann kann ich jetzt schlafen gehen?«
»Tugomir …« Wenzel schlang den feinen Mantel enger um sich, denn die Septembernacht war frisch, und setzte sich auf die Bruchsteinmauer. »Mein Bruder denkt genau wie du. Meine Mutter ebenso. Sie nennen mich einen Verräter, und es würde mich nicht überraschen, wenn sie meine Abwesenheit nutzen, um eine Revolte gegen mich zu planen.«
»Und?«, fragte Tugomir. »Was ist der Unterschied zwischen deinem Bruder und dir?«
»Mein Glaube, natürlich«, erwiderte Wenzel achselzuckend. »Mein Blick auf die Welt. Man hat mich viele Dinge gelehrt, die mein armer Bruder nicht weiß, und noch mehr habe ich gelesen …«
»Du kannst lesen?« Tugomir stieß verächtlich die Luft aus. »Sticken vielleicht auch?«
Aber Wenzel ließ sich nicht provozieren. »Mein Vater war bereits Christ, und er wollte, dass ich von christlichen Priestern erzogen werde. Ich glaube nicht, dass es mir geschadet hat. Du bist selbst ein gebildeter Mann, habe ich mir sagen lassen, wenn auch in anderer Weise. Also muss ich dir gewiss nicht erklären, dass alles, was man lernt, einem auf diese oder jene Weise nützt.«
Tugomir ließ sich ein gutes Stück von ihm entfernt ebenfalls auf dem Mäuerchen nieder. »In deinem Fall bin ich nicht sicher. Du erinnerst mich an einen Christenmönch, den ich kenne, so duldsam und friedfertig wie du bist. Schlechte Eigenschaften für einen Fürsten.«
»Ich würde sagen, das kommt darauf an, was man als die wichtigste Aufgabe eines Fürsten betrachtet. Ich glaube, meine Aufgabe besteht darin, meinem Volk ein Leben in Frieden und Wohlstand zu ermöglichen. Also nicht Krieg zu führen um jeden Preis, wie unsere Vorfahren es getan haben. Darum entehrt es mich nicht, mich König Heinrich zu unterwerfen. Im Grunde wollen wir nämlich beide das Gleiche: Frieden, ein Bündnis gegen die Ungarn und dem wahren Glauben den Boden bereiten.«
Tugomir verschränkte die Arme und schaute zum Himmel auf, der mit unzähligen Sternen überzogen war wie mit Perlenstaub. »Ich wünsche deinem Bruder viel Glück mit seiner Revolte …«
Wenzel lachte in sich hinein. »Das wird er nicht haben, fürchte ich. Mein Bruder ist ein Narr, der immer nur mit dem Schwert denkt.«
»So wie meiner«, entfuhr es Tugomir, und weil er nicht wollte, dass auch nur ein Ansatz von Vertrautheit zwischen ihnen aufkam, fügte er hinzu: »Aber mein Bruder ist tot. Er fiel, als dein geliebter König Heinrich die Brandenburg stürmte.«
»Ich weiß«, antwortete Wenzel. »Ich verstehe auch, dass du voller Zorn bist, Tugomir, aber du kannst es dir nicht leisten, ihm nachzugeben. Du hast Verantwortung für deine Familie und für dein Volk.«
»Inwiefern? Was ich tue oder nicht tue ist ohne Belang für meine Familie oder mein Volk. Die Götter haben mich zum Zeugen unseres Niedergangs bestimmt, das ist
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