Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
lag diese Nacht zurück, aber ihr kam es länger vor. Sie konnte sich an die slawische Fürstentochter, die sie damals gewesen war, kaum noch erinnern. Jedes Mal, wenn sie an sie dachte, kam es ihr vor, als betrachte sie die Vergangenheit einer Fremden. Einsam war sie damals gewesen, ungeliebt von ihrem Vater und ihrer ganzen Sippe, wenn man einmal von Tugomir absah. Und sie hatte sich gefürchtet, immer nur gefürchtet. Vor der Zukunft, vor den Göttern, vor der Blöße, die es bedeuten würde, sollte irgendwer ihre Furcht je bemerken. Dann vor den Sachsen, dann davor, dass sie ihren Prinzen und ihr Kind verlieren würde.
All das war heute so weit weg, dass es ihr unwirklich vorkam. Sie hatte zu Christus gefunden und ihn mit Hingabe angenommen, denn vor Christus musste man sich nicht fürchten. Sie lebte in einer Gemeinschaft, in der sie sich willkommen und geschätzt fühlte, mehr noch, in die sie gehörte. Die Trennung von ihrem Sohn war ein Kummer, der sie ständig begleitete, aber viel mehr als ein melancholisches Sehnen war es nicht mehr. Sie wusste, dass es dem kleinen Wilhelm dort, wo er war, an nichts mangelte. Sie hatte hier eine Aufgabe gefunden, die sie ausfüllte, und führte ein Leben in Komfort und Bequemlichkeit. Also wie bei allen Heiligen war es möglich, dass das Gesicht, welches sie auf der dunklen Wasserfläche sah, keinen Ausdruck heiterer Gelassenheit zeigte?
Dragomira schüttelte den Kopf – ungeduldig mit sich selbst –, steckte die Pinsel ins Wasser und bewegte sie emsig hin und her, damit das Gesicht dieser undankbaren und unbelehrbaren dummen Gans verschwand. »Du solltest dich wirklich schämen«, murmelte sie vor sich hin.
Sie schlug ihre Malwerkzeuge am Eimerrand aus, brachte sie zurück an ihren Platz und vergewisserte sich noch einmal, dass alle Lichter bis auf ihres gelöscht waren.
Dann trat sie ins Freie und versperrte die Tür mit dem Schlüssel, den sie am Gürtel trug.
Der Nachmittag war grau und ungemütlich, die Feuchtigkeit in der Luft konnte sich nicht entscheiden, ob sie nun Nebel oder Niesel sein wollte.
Dragomira umrundete mit raschen Schritten den Klostergarten, wo einige Mägde die Beete umgruben. Knechte brachten hoch beladene Schubkarren voller Mist vom Viehstall herüber, kippten den übelriechenden Dünger zum Einarbeiten auf die frisch gewendete Erde, ließen die Muskeln spielen und plusterten sich vor den mehrheitlich jungen Frauen auf. Die Mägde quittierten ihr Gehabe mit viel Gekicher und Getuschel. Nur Mirnia arbeitete unbeirrt weiter und trieb das hölzerne Spatenblatt mit verbissener Heftigkeit in die schwere, lehmige Erde.
Eigentlich war Männern der Zutritt zum Stift verboten, und nur in Ausnahmefällen wurde ihnen Einlass zum Verrichten schwerer Arbeiten gewährt. In Möllenbeck war die Ausnahme allerdings die Regel geworden, denn nach Vollendung der Bibliothek hatten die Schwestern entschieden, den Baumeister und seine Leute nicht wieder ziehen zu lassen, sondern sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Möllenbeck bekam ein steinernes Gotteshaus. Sie hätten gut gewirtschaftet und die nötigen Mittel, hatte die Mutter Oberin zufrieden verkündet. Vor zwei Jahren begonnen, waren Chor- und Altarraum der neuen Kirche fertig, und die Arbeiten am Langhaus kamen gut voran. Das ehrgeizige Projekt erfüllte die Stiftsdamen mit Euphorie, aber einfach war es nicht, um die Baustelle herum das vorgeschriebene Leben der Abgeschiedenheit und Klausur zu führen. Denn was eine Baustelle vor allem mit sich brachte, waren nun einmal Männer. Und darum war für Mirnia jeder Tag eine Prüfung.
Dragomira blieb bei ihr stehen. »Genug für heute. Komm mit hinein, sei so gut, und bring ein Kohlebecken in meine Kammer, während ich zur Vesper gehe. Mach ein bisschen Ordnung.«
Die junge Frau nickte mit einem scheuen, dankbaren Lächeln. Sie war Dragomiras persönliche Magd – es war üblich bei den vornehmen Stiftsdamen, eigene Dienerschaft zu haben –, doch die Aufgaben, die sie für ihre Herrin zu verrichten hatte, füllten ihre Tage nicht aus, und so wurde erwartet, dass Mirnia wie die anderen Dienstmägde bei der Arbeit in Haus und Garten half. Sie tat es bereitwillig und fleißig und meistens stumm, so wie alles, was man ihr auftrug. Aber Mirnia hatte nie überwunden, was ihr auf dem Flusskahn auf der Reise hierher passiert war. Die meisten hier hielten sie für ein wenig zurückgeblieben, denn sie war scheu und schreckhaft, sprach fast nie, nahm
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