Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
der hohen Tafel gab es Hirschbraten und allerlei Kleinwild, weiche Weißbrotlaibe wanderten die Tische entlang. Cremige Kräutersaucen und saftige Käse, Birnen, Äpfel und die letzten Brombeeren, Weine aus Thüringen, vom Rhein und aus Burgund, Met und Bier – alles gab es im Überfluss. Nur kein Pimpernell, verstand sich …
Tugomir, sah Thankmar aus dem Augenwinkel, aß keinen Bissen, und auch er selbst hatte keinen rechten Appetit. Die Fürsten und ihre mitgereisten Damen hingegen schlemmten und tranken nach Herzenslust und plauderten, und als die Spielleute kamen, wurde das Stimmengewirr nur noch lauter, um sie zu übertönen. Das war kein großer Verlust, musste Thankmar einräumen, denn sie spielten lausig. Als es dämmerte, wurden Fackeln und Öllichter entzündet, und die Edelsteine in den goldenen Pokalen an der hohen Tafel begannen zu funkeln.
Bevor der Abend zu dunkel und die Gäste zu betrunken wurden, erhob der König sich abermals von seinem Sessel an der hohen Tafel. Augenblicklich verstummten die Spielleute, und nach und nach versiegten auch Geplauder und Gelächter, bis es still in der Halle war.
»Edle Herren. Weggefährten, Freunde und Vasallen.« Ein wenig rührselig blickte König Heinrich sich um, wohl nicht mehr ganz so nüchtern, wie der Anlass eigentlich gebot. »Es gibt noch etwas Erfreuliches, das ich Euch mitzuteilen habe. Otto?«
Der Prinz nickte Editha zu. Beide standen auf und traten vor. Heinrich stellte sich zwischen das junge Paar und nahm es bei den Händen. »Wie manche von Euch bereits wissen, habe ich mit dem König von Wessex eine Heirat für seine Schwester und meinen Sohn Otto ausgehandelt. Dies ist Editha von Wessex, und Ihr alle sollt bezeugen, wie ich ihre Hand in die meines Sohnes lege.«
Er führte ihre Hände zusammen, und wieder brach der Saal in Jubel aus.
»In die Hand meines Sohnes und Nachfolgers«, fuhr der König fort. »Ich habe mich dazu entschlossen, mein Haus zu ordnen und meine Nachfolge zu regeln. Wisset, dass ich entschieden habe, mein Reich Prinz Otto zu vermachen, und zwar ungeteilt. Und wenn Ihr morgen vor mich tretet, um Eure Treuegelöbnisse zu erneuern, wünsche ich, dass Ihr auch Otto huldigt, Eurem zukünftigen König.«
Thankmar schaute in die Gesichter der Fürsten, die sich ausnahmslos erhoben hatten. Er hätte gerne gewusst, was sie sahen, wenn sie Otto betrachteten: den jungen Mann, dessen Bart noch flaumweich war, oder den Bezwinger der Brandenburg? Arnulf von Bayern tauschte stumme, rätselhafte Botschaften mit Eberhard von Franken. Der Erzbischof von Mainz schenkte seinem Amtsbruder von Trier ein hasserfülltes Lächeln, weil Otto sein Wunschkandidat war. Der Abt von Fulda gestikulierte aufgeregt, während er auf den Bischof von Augsburg einredete. Manche Mienen zeigten Befriedigung, manche Erstaunen, manche Zweifel. Doch niemand – nicht eine Menschenseele – erhob den Einwand: Aber was ist mit Thankmar? Nicht einmal Graf Thietmar und seine Söhne Siegfried und Gero, die mit Thankmar verwandt waren, nicht jedoch mit Otto. Sie alle akzeptierten die Wahl ihres Königs ohne jede Gegenwehr. Vermutlich war es keineswegs so, dass sie Otto höher schätzten als Thankmar, denn die meisten der Fürsten kannten den einen Prinzen so wenig wie den anderen. Sie taten es, weil ihr König es wollte. Ihr König, der so manchen von ihnen unterworfen hatte, als er vor zehn Jahren seinen Thron bestieg, aber mittlerweile hatten sie sich alle an seine lenkende Hand gewöhnt. Wie ein Gaul, den man zuritt, waren sie erst widerspenstig gewesen und dann zahm geworden. Schafe waren sie, nichts sonst. Auch Thietmar, Siegfried und Gero.
»Ich glaub, mir wird schlecht«, murmelte Thankmar und fuhr sich mit dem Ärmel über die klamme Stirn.
Tugomir schob ihm den Weinbecher wieder zu. »Dann sind wir schon zwei.«
Niemand hatte Tugomir einen Schlafplatz zugewiesen. Er nahm an, das bedeutete, dass er sich zwischen den Wachen und dem Gesinde in der Halle ins Bodenstroh legen musste. Die Mehrzahl der Fackeln war erloschen, und in der Halle war es ruhiger geworden. Das große Festmahl war längst vorüber, Diener bauten die Tische ab, lehnten die großen Platten gegen die Wände und stapelten die Bänke auf. Wenigstens eine Decke hätte ich gern, dachte Tugomir verdrossen, aber er hatte sein Bündel nicht mehr gesehen, seit Udo ihn aus der Sakristei geholt hatte.
Unschlüssig wandte er sich zum Ausgang und trat in die Nacht hinaus. Er schlenderte an der
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