Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
Vom Netzwerk:
Dank, Cousin. Ich kann dich zwar nicht verstehen, und ich glaube wie dein Bruder, dass du dein Volk verraten hast. Aber ich bin dir trotzdem dankbar, dass du mir gesagt hast, wie es auf der Brandenburg steht. Jetzt weiß ich endlich, was ich tun muss. Leb wohl.«
    Er schwang ein Bein über die Mauer und hörte im selben Moment eine Klinge aus einer Scheide fahren. »Denk nicht mal dran«, knurrte eine vertraute Stimme, und eine Pranke umklammerte Tugomirs Ellbogen und zerrte ihn zurück.
    »Udo …«
    »Was hast du dir vorgestellt, he?«, fragte der vierschrötige Soldat. »Dass ich das Beste hoffe und mich aufs Ohr haue?«
    »Wie lange liegst du hier schon auf der Lauer, he?«, fragte Tugomir wütend.
    »Die ganze Zeit. Nicht, dass ich ein Sterbenswort von eurer Barbarensprache verstanden hätte. Aber ich hab auch so gemerkt, dass es dich plötzlich in die Ferne zog.«
    Tugomir befreite seinen Arm mit einem kleinen Ruck. »Udo, mein Vater ist tot und …«
    »Ehrlich?« Udo schnalzte mit der Zunge. »Das tut mir jetzt aber leid, ehrlich. Meinen Vater haben die Ungarn abgeschlachtet, als ich noch in den Windeln lag, stell dir das vor. Willst du wissen, was sie mit meiner Mutter gemacht haben?«
    »Hör zu«, bat Tugomir eindringlich. »Ein machtgieriger Priester hat meinen Neffen auf den Fürstenthron gesetzt und regiert in seinem Namen. Das kann nicht gut gehen.«
    »Du glaubst nicht, wie scheißegal mir das ist.«
    Tugomir stieß hörbar die Luft aus. »Ich habe deinen Sohn gerettet. Drück ein Auge zu und lass mich verschwinden, damit ich versuchen kann, meinen Neffen zu retten. Verflucht, er ist jünger als Henning!« Gehetzt sah er nach Osten, wo irgendwo versteckt unter dem Dach der mondbeschienenen Wälder die Elbe floss, vielleicht dreißig Meilen entfernt.
    Udo packte ihn sicherheitshalber wieder am Arm. »Ein Auge zudrücken? Hast du eigentlich eine Ahnung, was mir blüht, wenn ich dich entwischen lasse?« Er nickte Wenzel knapp zu und zerrte Tugomir zurück Richtung Kirche. »Ich bring dich jetzt zurück in die Sakristei, mein Prinz. Da kannst du dein bitteres Los beweinen oder dir von deinem Daleminzerbübchen den Schwanz lutschen lassen, mir ist es gleich.« Er stieß Tugomir vor sich her und verpasste ihm einen gut platzierten Tritt, um ihn zu ermuntern, ein wenig schneller zu gehen.
    Tugomir wäre beinah ins Straucheln geraten. Er stützte sich an der hölzernen Kirchenwand ab und verfluchte Udo.
    »Was faselst du da?«, fragte der Soldat argwöhnisch und schob ihn durch die geöffnete Kirchentür.
    »Wer weiß«, raunte Tugomir über die Schulter. »Womöglich erbitte ich den Segen meiner Götter für dich und die Deinen. Oder vielleicht beschwöre ich das Lungenfieber auf deinen Sohn herab? Und ich verrate dir, wen du nicht um Hilfe zu bitten brauchst, wenn der Bengel wieder anfängt zu röcheln.«
    Udos Faust erwischte ihn im Nacken. Es fühlte sich an, als habe ihn ein Schmiedehammer getroffen, und Tugomir schlug der Länge nach hin.
    Die beiden Männer, die im schwachen Licht zweier Öllämpchen am Altar standen, wandten erschrocken die Köpfe. »Wer da?«, fragte einer von beiden streng.
    Prinz Otto, erkannte Tugomir.
    »Nur ich und unser slawischer Freund, mein Prinz«, knurrte Udo.
    »Oh, das trifft sich gut. Komm her, Tugomir. Ich will dir etwas zeigen.« Ein erwartungsvolles Lächeln lag in Ottos Stimme.
    Tugomir schloss einen Moment die Lider und fragte sich, wie lange diese grässliche Nacht wohl noch dauern wollte, während Udo ihn mit zwei, drei kräftigen Stößen zwischen die Schultern zum Altar geleitete.
    Dort stand Otto gegenüber Bruder Waldered und lächelte wie ein Narr auf das Paket hinab, das er im linken Arm hielt.
    Behutsam nahm Prinz Otto es ihm ab und streckte es Tugomir entgegen. »Hier. Dragomiras Sohn. Und meiner, natürlich.«
    Tugomir wollte einen Schritt zurücktreten, aber sein Körper gehorchte nicht. Stattdessen streckte er die Hände aus, und Otto legte das Kind hinein. Es war noch winzig, ganz und gar in ein warmes Wolltuch gewickelt, aber das Gesicht lugte hervor, umrahmt von dunklem Flaum. Es hatte die Augen geschlossen, doch als die feuchten roten Lippen sich bewegten, erkannte Tugomir, dass es Dragomiras Mund geerbt hatte.
    Otto trat neben ihn, kam ihm näher, als Tugomir eigentlich aushalten konnte, und zupfte an dem wollenen Tuch, um das Kind besser zuzudecken. »Wir haben ihn Wilhelm genannt. Das war der Wunsch der Königin. Und sie wollte auch, dass er

Weitere Kostenlose Bücher