Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
keinen Anteil am gemeinschaftlichen Leben und schloss mit niemandem Freundschaft. Dragomira wusste es besser. Aber es gab nicht viel, das sie tun konnte, um Mirnia zu helfen. Sie hatte die Schwester Celleraria , die für die Verwaltung der Lebensmittel und die Organisation der Hauswirtschaft zuständig war, beiseitegenommen, sie gebeten, Mirnia nur in Haus und Küche einzusetzen, und ihr die Gründe erklärt. Doch sie war auf wenig Verständnis gestoßen. Die Kellermeisterin war eine vornehme Dame aus thüringischem Adel, die erst ins Stift eingetreten war, nachdem ihr Sohn erwachsen und ihr Gemahl gestorben war. Sie kannte die Welt.
»Na und?«, hatte sie verwundert gefragt. »Wenn wir alle Frauen bedauern wollten, denen das geschehen ist, hätten wir für nichts anderes mehr Zeit, Schwester. Sie soll sich gefälligst zusammenreißen.«
»Aber sie war noch so jung«, hatte Dragomira zu erklären versucht. »Und hatte kurz zuvor ihre ganze Familie verloren. Sie ist in die Fremde verschleppt worden und fühlt sich entwurzelt und ausgeliefert.«
»Hm«, machte die Kellermeisterin und nickte, dass ihr Doppelkinn bebte. »Und was davon ist nicht auch dir zugestoßen? Ich sehe nicht, dass du dir deswegen die Haare ausraufst.«
»Das war anders …«
»Ich erkenne keinen Unterschied«, war die Schwester ihr ungeduldig ins Wort gefallen. »Aber es ist gut, dass du gerade hier bist, fällt mir ein. Ich muss wissen, wie viel Wein du kommenden Monat zum Anmischen deiner Farben brauchst …«
Und dabei war es geblieben.
Während Mirnia davoneilte, um Dragomiras Gemach herzurichten, begab Dragomira selbst sich in die Kirche zur Vesper, die nach getaner Tagesarbeit gehalten wurde. Die Stiftsdamen versammelten sich im Chorgestühl, und auf das Zeichen der Schwester Cantrix stimmten sie den ersten der Gesänge an. Gut drei Dutzend geschulte Frauenstimmen erhoben sich in perfekter Harmonie, um Gott zu preisen, und wie immer überlief Dragomira ein kleiner Schauer von diesem herrlichen Wohlklang. Sie war stolz, ein Teil davon zu sein. So wie sie stolz darauf war, zu einer Gemeinschaft von Frauen zu gehören, die ihr Leben so ganz ohne Männer meisterten. Und es war keineswegs ein schlichtes Leben. Möllenbeck besaß vierzehn Dörfer mit rund zweitausend Hörigen, ein Dutzend Eigenkirchen und zusätzlich fast zweihundert Hufen Land mit Wäldern, Fischteichen, Weinbergen, Weide- und Ackerflächen. All dieser Besitz musste bewirtschaftet und verwaltet werden. Gewiss, für die Ausübung der Gerichtsgewalt, Überwachung der Frondienste und Ähnliches mehr hatte das Stift einen Vogt, doch die eigentliche Verwaltung ihres Besitzes übernahmen die Kanonissen selbst, und sie trafen die wichtigen Entscheidungen gemeinsam in ihrer täglichen Versammlung. Kein Wunder also, dass die Stimmen, die sich hier achtmal täglich zum Gotteslob erhoben, so kraftvoll und selbstbewusst klangen.
Nach dem Ende des Gottesdienstes verließen die Stiftsdamen in ordentlichen Zweierreihen die alte, aus Holz erbaute Kirche, die Köpfe über die gefalteten Hände gebeugt, um sich zum Nachtmahl ins Refektorium zu begeben.
»Dragomira?«
Sie wandte sich um. »Schwester Decana «, grüßte Dragomira die neue Priorin.
Schwester Gertrudis errötete wieder einmal. »Mir wird immer noch ganz schwindelig, wenn mich jemand so nennt.« Einst das schüchterne Mädchen, das Dragomira bei Wilhelms Geburt beigestanden hatte, war sie inzwischen die rechte Hand der Äbtissin, und so war es nur folgerichtig, dass Gertrudis nach dem Tod der alten Priorin deren Nachfolge angetreten hatte. Was indes nicht hieß, dass sie sich in der neuen Sonderstellung wohl fühlte.
»Du wirst dich daran gewöhnen«, mutmaßte Dragomira.
»Vielleicht.« Die junge Priorin nahm sie beim Ärmel und führte sie ein Stück beiseite. »Hast du gehört, dass in Süderdorf die Pocken ausgebrochen sind?«
»Ja, die Schwestern im Scriptorium sprachen vorhin davon. Es ist furchtbar.« Süderdorf war eine der größeren Ortschaften, die dem Stift gehörten, und lag nicht weit entfernt.
»Der Pfarrer hat uns geschrieben und bittet um Beistand. Über ein Dutzend Menschen sind schon gestorben, mindestens doppelt so viele erkrankt.«
Dragomira schwante nichts Gutes. Weil ihr Bruder ein berühmter Heiler war, schien alle Welt zu glauben, auch sie müsse diese Gabe besitzen. Dabei war Malen eigentlich das Einzige, was sie konnte. Sie nahm ihren Mut zusammen. »Du willst, dass ich hinreite?«
»Wie
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