Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
kommst du darauf?«, entgegnete Gertrudis verwundert. »Das kommt überhaupt nicht infrage. Nein, ich will dem Pfarrer antworten, dass sie die Kleider der Toten verbrennen müssen, weil die giftigen Dämpfe der Krankheit daran haften und die Gesunden befallen können. Aber er wird es nicht tun, wenn ich nicht aus irgendeiner gelehrten Schrift belege, dass es ein wirksames Mittel gegen die Ausbreitung ist. Ich weiß genau, dass ich in einem unserer Bücher etwas darüber gelesen habe. Aber leider nicht mehr, in welchem. Es war groß.« Gertrudis deutete die Ausmaße des Folianten mit den Händen an. »In gelbliches Leder gebunden mit einem bronzenen Verschluss.«
»St. Gallener Heilerschrift«, antwortete Dragomira prompt. »Der ehrwürdige Abt von Corvey hat es in St. Gallen zweimal kopieren lassen und uns eine Abschrift geschenkt. So ungefähr … vor drei Jahren.«
Gertrudis atmete auf. »Weißt du, wo es steht?«
»Sicher. Ich hole es dir.«
Dragomira umrundete die Kirche und gelangte zurück in den großzügigen Garten. Die fleißigen Mägde und Knechte waren verschwunden. Es dunkelte bereits, aber sie konnte den Pfad, der um die Beete herumführte, gerade noch erkennen. Außerdem hätte sie den Weg zur Bibliothek auch im Stockfinsteren gefunden, denn sie ging ihn täglich viele Male, wenn sie zwischen ihrer Arbeit und den Stundengebeten in der Kirche pendelte. Sie tastete nach dem Schlüssel an ihrem Gürtel, als plötzlich ein Schatten vor ihr aufragte.
»Vergebt mir, Schwester.«
Dragomira biss sich im letzten Moment auf die Zunge, ehe ihr ein Schreckenslaut entfahren konnte. »Wer seid Ihr, und was habt Ihr hier verloren?«, fragte sie stattdessen, und sie war zufrieden mit sich: Es klang angemessen barsch.
»Mein Name ist Widukind von Herford. Ich bedaure, sollte ich Euch erschreckt haben. Offenbar hat niemand mein Klopfen gehört, aber Eure Pforte war unverschlossen. Darum habe ich mir die Freiheit genommen …« Er brach ab.
»Die Schwester Portaria muss wieder einmal eingeschlafen sein«, brummte Dragomira. »Eine ganze Horde Ungarn könnte hier einfallen, und sie würde es nicht merken.«
»Dafür müssten die Ungarn Euer Stift erst einmal finden, Schwester. Es ist sehr abgelegen.«
Sie nickte. »So soll es sein. Und Ihr wünscht?«
»Nun … Ich fürchte, ich habe mich verlaufen. Ich hatte die Absicht, die Vesper mit euch zu beten, und dachte, dies hier sei die Kirche«, sagte er.
»Die Kirche ist das Gebäude mit dem Glockentürmchen«, erklärte sie hilfsbereit.
»Ja, ja, nur weil dieses hier aus Stein ist, nahm ich an …« Er brach schon wieder ab.
»Die steinerne Kirche befindet sich im Bau«, antwortete sie. »Sie liegt hinter der alten. Das hier ist die Bibliothek.«
»Verstehe. Ich wäre sehr dankbar, wenn Ihr mich zu Eurer Mutter Oberin geleiten könntet, Schwester …«
»Dragomira.«
»Wie bitte?«
»Dra-go-mi-ra.«
»Oh. Ungewöhnlich.«
»Das müsst Ihr gerade sagen.«
Er lachte, und mit einem Mal wurde es Dragomira eigentümlich eng um die Brust. Sein Lachen klang genau wie Ottos: warm und voll arglosen Frohsinns.
»Mein Name ist slawisch«, erklärte sie, steckte den Schlüssel ins Schloss und sperrte die Tür zur Bibliothek auf.
»Meiner ist sächsisch«, erwiderte er. »Sehr alt. Vor über hundert Jahren gab es einen Sachsenherzog dieses Namens, der gegen Karl den Großen kämpfte, weil der die heidnischen Sachsen mit dem Schwert bekehren wollte.«
Dragomira hatte von diesem Widukind gelesen. »Und die Sachsen haben aus ihrem eigenen Schicksal nichts gelernt und versuchen nun ihrerseits, die Slawen mit dem Schwert zu bekehren«, gab sie zurück.
»Tja. Schon eigenartig«, räumte er ein. »Und ich bewundere Eure Bildung, Schwester Dragomira.«
Sie zuckte die Achseln. »Sie kommt ganz von selbst, wenn man in einer Bibliothek arbeitet. Tretet ein, Widukind von Herford. Ich muss nur rasch ein Buch holen. Wenn Ihr Euch solange gedulden wollt, führe ich Euch zur Mutter Oberin.«
Er folgte ihr ins Innere der Bibliothek, blieb aber an der Tür stehen, denn drinnen war es dunkler als draußen. Dragomira bewegte sich sicher durch den vertrauten Raum, trat ans abgedeckte Feuer, hielt einen Kienspan in die Glut und zündete eines der Binsenlichter an. Damit ging sie an eines der deckenhohen Regale und fand die kostbare St. Gallener Handschrift auf Anhieb. Sie stellte ihr Licht ab und hob den Folianten behutsam vom Bord.
»Hier, lasst mich das tragen«, erbot
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