Das Herz des Menschen: Roman (German Edition)
seine Bibliothek anzusehen, vierhundert Bücher! Vom Ausleihen ganz zu schweigen. Doch obwohl er jeden Tag auf eine Änderung in dieser Hinsicht hofft, fällt ihm nicht im Traum ein, danach zu fragen. Im Leben nicht. Man hat doch auch seinen Stolz. Jetzt sitzt er im Wohnzimmer und hat etwas vollbracht. Etwas Wichtiges, etwas ganz anderes, als Fische aus dem Wasser zu ziehen, Erde umzugraben, Heu in die Scheune einzufahren, und in diesem Moment, in dem der Himmel im Sturm erzittert und Schiffe gegen den Untergang kämpfen, hat der Junge das Gefühl, dass es auf ihn ankommt. Auf ihn, den man mit diversen Schimpfnamen belegt hat, seit vor zehn oder zwölf Jahren sein Vater umgekommen ist. Das alles vergisst er jetzt, denkt nicht mehr daran, streicht es aus, Schwamm drüber. Die Frauen auf dem Hof, auf dem er aufwuchs, nachdem alle gestorben waren, die hätten leben sollen, haben gesagt: Du hättest doch längst vergessen, was da zwischen deinen Beinen baumelt, wenn es nicht angewachsen wäre. Man hat ihn Idiot, Trottel, Dämlack, Rotzbengel, Bettnässer, Dachsparren, dummes Schaf, Blödhammel, Niete, Rabenaas, Schweinehund, Abschaum, Hosenscheißer genannt, die Sprache ist reich an solchen Ausdrücken, es ist ja auch so einfach, jemanden herabzuwürdigen und zu beleidigen, dazu braucht man weder besondere Fähigkeiten noch Mut. Aber es ist auch kaum zu glauben, wie begriffsstutzig ein körperlich gesunder Bengel, später ein Jugendlicher und dann junger Mann manchmal sein kann; er kann sich einfach nicht merken, was die Hände längst gelernt haben sollten, da hat er vielleicht an einem Abend einen bestimmten Knoten gelernt, dann kommt die Nacht, und wenn er aufwacht, haben seine Finger den Knoten schon wieder ganz und gar vergessen. Du bist wahrscheinlich einfach nur ein zurückgebliebener Dummkopf, hat eine alte Frau einmal zu ihm gesagt, nicht einmal wütend, sondern einfach nur kopfschüttelnd. Jetzt aber hat man ihn einmal gelobt, und das ist keine kleine Sache für einen, den man sein Leben lang mit derben Schimpfwörtern bedacht hat. Wörter bewirken etwas, sie können in jemanden eindringen und dort etwas anrichten, ihn dazu bringen, dies oder jenes von sich zu glauben, und jetzt ein solches Lob zu bekommen, von diesen Frauen, da liegt es doch nahe, dass der Junge anfängt zu heulen.
Die nächsten fünf Seiten in einer Woche, schaffst du das?, fragt Geirþrúður und hebt das Weinglas an die Lippen, die am selben Tag geküsst worden sind und die geküsst haben. Da war sie – in einem unbewohnten Tal – höchst lebendig, sie existierte, sie brannte, loderte, dass die Vögel davonflogen und die Berge aufmerkten.
Ja, antwortet der Junge überzeugt, selbstsicher und glücklich, das schaffe ich. Eifer glüht in seinen Augen, doch draußen wütet ein Unwetter, und die Erde zittert. Man sollte sie besser anbinden, damit sie nicht ins dunkle Weltall davonfliegt.
Andrea liegt in ihrem Kellerzimmer im Bett und hört dem Sturm zu. Das Bett gehört nicht ihr, sondern Geirþrúður, wie das ganze Haus. Sie liegt da und kann nicht schlafen, wälzt sich von der einen Seite auf die andere, weiß nicht, wie sie liegen soll und wie sie leben soll, der Sturm rüttelt am Haus und wühlt das Meer auf, das dunkel, schwer und unruhig daliegt, selbst das Hafenbecken, sonst noch ganz still, wenn draußen die Brandung schon hochgeht, ist voller Unruhe, und das Schiff von J. Andersen schaukelt heftig mit seinem leeren Laderaum.
Lúlli und Oddur haben sich zusammen mit anderen krumm geschuftet, um die Ladung zu löschen, in unermüdlicher Arbeit haben sie Säcke, Fässer und Tüten an Land geschleppt, und sie haben es mit vielen vereinten Händen geschafft. Hier zwischen den Bergen muss es oft schnell gehen, das Leben hat es eilig, oder richtiger, der Mensch hat es eilig, nicht das Leben, das ist einfach nur da, das gibt es, wie eine Blume, wie Musik, wie einen Dolch, wie Sprühregen, wie einen Abgrund, wie wohltuende Helligkeit. Was das Leben aber auch sein mochte, ob Alltag oder ein Wunder, jedenfalls sollte Andersens St. Louisa so schnell wie möglich vom Kai weg. Die heilige Louise. Wir wissen nicht, wieso diese Louise, nach der das Schiff benannt wurde, heilig gewesen sein soll, womit sie die Heiligsprechung verdient hat, welche Qualen sie erdulden musste. Muss ein Mensch überhaupt Qualen durchmachen, um heilig genannt zu werden, darf er nicht glücklich sein? Ist das nicht schwer, schön und edel genug in dieser Welt? Aber es
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