Das Internat
schließlich.
"Gut. Es gibt nur eine Bedingung. Ich will auch ein paar Antworten. Du bist mir ausgewichen und hast mich vielleicht auch angelogen. Was ist gestern Nacht geschehen? Ich will es jetzt wissen: Hatten wir Sex?"
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Aber sie spürte eine Veränderung an ihm. Das Grau seiner Augen war weicher, aber auch finsterer geworden. Er dachte nach, überlegte genau, ließ den Blick über sie schweifen, aber wofür? Um für einen Sarg Maß zu nehmen?
Pervers, dachte sie, und dabei ist er so attraktiv. Seinerseits fragte er sich vielleicht auch, mit wem er es zu tun hatte. Einer Psychopathin? Einer Mörderin?
Sollte er doch grübeln. Er würde zuerst ihre Fragen beantworten.
31. KAPITEL
J amesons Ton war gemessen. "Vielleicht sollte ich auf deinen Geisteszustand Rücksicht nehmen?"
Mattie verzog das Gesicht. "Ich bin nicht verrückt."
"Verrückt nicht, aber traumatisiert."
Sie schwankte zu sehr, um noch länger stehen zu können, also ließ sie sich auf die Bettkante sinken. Er setzte sich neben Mattie, offenbar entschlossen, ihr so nahe zu rücken, dass sie ihn nicht missverstehen könnte.
"Wir hatten
keinen
Sex."
"Jemand hat mich ausgezogen und mich in die Badewanne gesteckt. Erzähl mir bitte nicht, ich hätte mir das nur eingebildet."
"Du warst in der Wanne. Ich musste deine Körpertemperatur wieder normalisieren, und so ging es am schnellsten. Aber mehr war es nicht."
Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und unterstrichen den ratlosen Gesichtsausdruck. "Woher hast du das? Wieso denkst du, dass wir Sex hatten?"
"Vergiss es." Sie wünschte, sie hätte nie gefragt. Seine Gegenfrage war Mattie peinlich genug. Er klang, als könnte er sich nicht einmal vorstellen, sie zu berühren. Als wäre es das Letzte, was ihm einfallen würde.
Ganz bewusst sah sie in die andere Richtung, obwohl es wehtat.
"Kann ich dir irgendetwas bringen?", fragte er. "Etwas zu essen, ein Getränk, eine Schmerztablette?"
"Meine Sachen?"
"Ich hole sie dir – unter einer Bedingung. Du bleibst hier, bis du wieder fit bist, egal wie lange es dauert. Draußen bist du nicht sicher, und du bist nicht in der Verfassung, dich verteidigen zu können."
"Das nächste Mal bin ich vorbereitet", versicherte sie schnell. "Niemand erwischt mich mehr hinterrücks."
Mit einer kühnen Bewegung fasste er ihr ans Gesicht und drehte es, damit er sie ansehen konnte. Der Ausdruck seiner Augen war wieder wie Stahl, trotzdem blieben Mattie seine Verzweiflung und seine Sorge nicht verborgen.
"Vorbereitet auf was, Mattie? Du hast keine Ahnung, wer dich verletzen will. Keine Ahnung, wie du dich schützen sollst oder vor wem."
"Außer vor dir?"
"Touché." Seine hochgezogenen Augenbrauen verrieten, dass er ihre Lage verstand. "Trotzdem, vor mir musst du dich schützen, solange du mir nicht die Wahrheit sagst. Ich will dir nicht an den Kragen – zumindest will ich keine Rache. Ich will Gerechtigkeit für meinen Bruder und muss seinen Mörder zur Strecke bringen."
Mattie wusste darauf nichts zu sagen, denn etwas ließ sie innehalten. Es war vielleicht sein Blick – oder die Ruhe, die sie plötzlich ausfüllte. Keine Schmetterlinge im Bauch. In ihrem Inneren herrschten Frieden und Stille, wie in einer Kathedrale. Nur der Pulsschlag an ihrer Schläfe pochte unruhig. Das war nichts, verglichen mit den Träumen in ihrer Jugend. Das hier war echt.
Er strich ihr über das Gesicht und ließ sie los.
Mattie atmete tief ein, als er von ihr abrückte, und sagte sich, dass es ein Seufzer der Erleichterung war. Doch der wunderbare innere Frieden verschwand gleichzeitig. In ihrem Bauch schien es mit einem Mal immer stärker zu summen.
Seine grauen Augen nahmen einen warmen Glanz an, als er lächelte. "Ich besorge dir etwas zu essen und mache eine heiße Zitrone mit Whiskey. Das ist ein altes Familienrezept. Wenn du davon einen Becher getrunken hast, reden wir darüber, ob du hier bleibst oder nicht."
Mattie versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Vermutlich sah es lächerlich aus, weil sie dabei auf die Innenseite ihrer Lippen biss. Impulse zu bekämpfen, erforderte mehr Kraft, als ihnen nachzugeben. Die heiße Zitrone klang seltsam, aber lecker, und Mattie hatte tatsächlich Hunger.
Jameson durchquerte so etwas wie den Flur zur Küche. Von ihrem Platz sah das Haus wie eine offene Galerie aus, mit dem Bett und dem Bad auf der einen Seite und einem Fitnessbereich, der Küche und dem Essbereich auf der anderen. Alles
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