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Das Jahr der Kraniche - Roman

Das Jahr der Kraniche - Roman

Titel: Das Jahr der Kraniche - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Blanvalet-Verlag <München>
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strich über den langen Rücken des Pferdes. Von der ersten Minute an hatte sie sich mit Flora verstanden. Die Stute hatte nichts dagegen gehabt, dass Laura auf ihr ritt, obwohl sie eigentlich nur an eine Reiterin gewöhnt war: Elke. Laura hatte Jan gefragt, ob er denke, dass sie Flora reiten könne. Statt einer Antwort hatte er seine Hände ineinander verschränkt, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Laura war einen Moment lang verblüfft gewesen. Meinte er das wirklich? Sie hatte nur eine leichte Hose und ein T-Shirt angehabt. Das Pferd war nicht einmal gesattelt. Sie hatte nur einen Augenblick gezögert, dann war sie mit dem Fuß auf seine Hände gestiegen und hatte sich auf den Rücken der Stute geschwungen, die still wie ein Standbild dagestanden hatte.
    Mann! Das ist einfach der Wahnsinn. Wie sich das anfühlt!
    Laura hatte sich auf dem Pferd vom ersten Moment an, sobald sie dessen warmen Rücken unter sich spürte, absolut sicher gefühlt. Jan hatte in das lange Haar des Tieres gegriffen, leise geschnalzt, und die Stute war losgegangen. Ruhig, vorsichtig, als wäre sie sich bewusst gewesen, dass ihre Reiterin zum ersten Mal auf einem Pferd ihrer Rasse saß. Lauras Hände lagen auf dem Hals des Pferdes. Sie spürte seinen Bewegungen nach und hatte sich schnell seinem Rhythmus angepasst. An Jans Seite ging die Stute quer über die Wiese. An einer Brombeerhecke vorbei, auf den Tümpel zu, aus dem, als sie näher kamen, einige grasgrüne Frösche in lang gezogenen Sprüngen davonhüpften. Die Kraniche, die nicht weit entfernt von ihnen weideten, schlugen kurz mit den Flügeln, wechselten den Platz mit ein paar tänzerischen Hüpfern und widmeten sich wieder ihrer Nahrungssuche. Hermes, der Hengst, hatte die kleine Gruppe interessiert beobachtet. Und sich plötzlich in Trab gesetzt. Wieder stupste er Jan von der Seite an. Und der hatte sich plötzlich auf sein Pferd geschwungen.
    Das ist wie im Märchen. Der Prinz und die Prinzessin auf ihren Pferden. Lieber Gott, bitte lass mich nicht aufwachen.
    Seite an Seite waren sie ein paar Runden auf der Koppel geritten. Mit jeder Minute fühlte Laura sich sicherer. Sie spürte Jans Blick, der sie aufmerksam verfolgte.
    Sie gehört hierher. Ich hab mich nicht getäuscht.
    Er hatte gehofft, dass Laura sich mit Flora anfreunden würde. Aber dass es so schnell gehen würde und dass die beiden auf Anhieb so harmonieren würden, das hatte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt.
    Was hat sie auf meinem Pferd zu suchen?
    Ein Stich fuhr Elke ins Herz, als sie Jan und Laura auf der Koppel sah. Sie stieg von ihrem Fahrrad. In den letzten Wochen hatte sie sich auf Wunsch von Jan und Laura, die noch jede Menge mit dem Einzug und der Organisation ihres neuen Lebens zu tun hatten, um die beiden Pferde gekümmert, die sie liebte, als wären es ihre eigenen. Sie hatte zwar gewusst, dass Jan und Laura schon den einen oder anderen Ausritt unternommen hatten, aber die Hauptarbeit hatte sie geleistet, wie schon in den ganzen letzten zehn Jahren. Natürlich war ihr immer klar gewesen, dass weder Hermes noch ihre geliebte Flora ihr gehörten. Aber irgendwie war es ihr erfolgreich gelungen zu verdrängen, dass über kurz oder lang ihre Arbeit mit den Pferden nicht mehr gefragt sein würde. Zehn Jahre lang war sie fast jeden Tag auf Flora und Hermes ausgeritten, hatte sie gestriegelt und gebürstet, sie dem Tierarzt vorgeführt, wenn es nötig war. Vor zwei Jahren hatte sie sogar, zusammen mit Hanno natürlich, eigenhändig einen neuen Unterstand für die beiden Pferde gebaut.
    Und so traf es sie jetzt wie ein Schock, als sie Laura auf »ihrem« Pferd, »ihrer« Flora reiten sah, als hätte sie nie etwas anderes getan.
    Was machst du da, Flora? Du gehörst mir!
    Wie jeden Tag hatte Elke sich nach der Schule auf ihr Rad geschwungen und war durch den Wald zur Koppel gefahren. Der Reithelm baumelte am Lenker hin und her. Ihre ledernen Stiefel hatte sie auf den Gepäckträger geklemmt. Und sich wie jeden Tag auf den Ausritt mit Flora gefreut. Als sie Jans Auto am Rand der Koppel erblickt hatte, war sie langsamer geworden.
    Und dann sah sie es: Laura saß entspannt auf Flora. Sie sah zufrieden aus. Und Jan neben ihr auf Hermes wirkte so stolz und zufrieden, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.
    Flora setzte sich plötzlich in Trab. Einen Moment lang sah es aus, als würde Laura das Gleichgewicht verlieren.
    »Holla. Wo willst du denn hin?«
    Ohne Probleme gelang es Laura, das Pferd

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