Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter: Eine Biographie (German Edition)

Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter: Eine Biographie (German Edition)

Titel: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter: Eine Biographie (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Günter de Bruyn
Vom Netzwerk:
langsam vom Neffen vorlesen, unterbrach an Stellen, die gestrichen oder geändert werden sollten, und nahm auch Verbesserungsvorschläge des Gehilfen an. Da die Arbeit ihn aufheiterte, geriet er anlässlich der Jugendwerke auch ins Erzählen, bedauerte das Fragmentarische der »Flegeljahre«, wollte am »Titan« noch einige Szenen verbessern und die angefangene Autobiographie vollenden, aus der auch hervorgehen sollte, wie wichtig Herder für ihn gewesen war.
    Der Tagesablauf war streng geregelt. Vormittags wurde im Zimmer des Hausherrn gearbeitet, nachmittags im Wohnzimmer vorgelesen, erst die Tageszeitungen, dann Neuerscheinungen, wie Herbarts »Psychologie als Wissenschaft«, die ihn aber schnell ermüden ließ. Manchmal verlangte er Altbekanntes zu hören wie Herders »Ideen« oder dessen Volksliedersammlung, doch verringerte sich die Zahl der Seiten, denen er noch zu folgen vermochte, von Tag zu Tag.
    Munter aber konnten ihn noch immer Gespräche machen, denen der Abend gewidmet war. Um Gesprächsstoff zu haben, verbrachte Spazier seine freien Stunden in der »Harmonie« über Zeitschriften, denen er Neues aus Künsten und Wissenschaften oder aber, was dem Kranken am liebsten war, Kurioses entnahm. Wenn Christian Otto Krankenbesuch machte und die Vergangenheit Thema wurde, fiel dem gespannt lauschenden Neffen, der später der erste Biograph des Kranken wurde, die nicht unwichtige Rolle des Zuhörers zu.
    Wenige Wochen zuvor hatte Jean Paul noch mit dem Philosophen Schelling, der aus München gekommen war, stundenlang debattieren können, jetzt aber konnte es vorkommen, dass er plötzlich verstummte und nur noch Zuhörer war.
    Er war ein geduldiger Kranker, der selten klagte, sich oft für die liebevolle Pflege bei seiner Frau und der Tochter bedankte, und wenn Sonnenschein die grauen Herbsttage kurzzeitig etwas erhellte, glaubte er, wieder besser sehen zu können, also Grund zu haben, voller Hoffnung zu sein. Grauenhaft aber waren oft seine Nächte, in denen er den Schreckensvisionen einer gottlosen Welt, die er früher durch sprachliche Gestaltung zu bannen versucht hatte, hilflos ausgeliefert war.
    Je weniger er Vorgelesenem zu folgen vermochte, desto mehr verlangte er nach Musik. Diese hatte ihn das Leben hindurch begleitet, vom Klavier- und Orgelspiel seines Vaters bis zum häuslichen Musizieren von Frau und Tochter, denn ein Klavier, früher ein geliehenes, hatte von seinen Studienzeiten an, soweit es möglich zu machen war, zu seinen Behausungen gehört. Obwohl er keine musikalische Ausbildung hatte, also auch keine Noten lesen konnte, hatte er gern stundenlang auf dem Klavier phantasiert. Überall wo gute Konzerte zu hören gewesen waren, hatte er unter den Zuhörern gesessen, seine Kinder waren von Karoline musikalisch gebildet worden, und in seinen Romanen waren bei Gefühlshöhepunkten oft Flöten, Harfen, Hörner oder auch Glocken ertönt. Jetzt stand das Klavier in Karolines Zimmer, so dass die Türen weit geöffnet werden mussten, wenn sie und Emma für ihn spielten und sangen, während er mit geschlossenen Augen nebenan auf seinem Kanapee lag. Von einfachen Melodien, wie sie die Volksweisen oder die Lieder von Zelter und Schubert hatten, wurde er am stärksten zu Tränen gerührt.
    Obwohl sein körperlicher Zustand immer hinfälliger wurde, die Beine stärker anschwollen, die Augen gänzlich versagten und ein chronischer Husten ihm das Atmen erschwerte, ging die Arbeit noch weiter, bis ihn Karoline am Vormittag des 13. November einer plötzlichen Schwäche wegen ins Bett bringen musste, aus dem er sich zwar am 14. wieder erheben konnte, aber zur Arbeit unfähig war. Erstmalig wurde die Tagesordnung geändert, vormittags schon vorgelesen, erst die Zeitung, dann Herder, bis die Freunde Emanuel Osmund und Christian Otto kamen und ihn mit der Erinnerung an das komische Ritual einer Prinzenhochzeit erheitern konnten, das von ihm im »Hesperus« verwertet worden war. Als die Freunde gegangen waren, versuchte er dem Neffen zu erklären, was am »Hesperus« geändert werden müsste, sprach aber so leise, dass es kaum zu verstehen war. In der Annahme, es sei schon Abend, verlangte er mittags ins Bett gebracht zu werden, sagte noch einige Worte, die keiner verstehen konnte, dann deutlicher: »Wir wollen’s gehen lassen!« , und schlief ein. Als nachmittags Emanuel und der Arzt kamen, schien er ruhig zu schlafen, um acht aber verlangsamte sich sein Atem und setzte, während sein Mund sich verkrampfte,

Weitere Kostenlose Bücher